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Aufstand in Ittingen

Lebendige Geschichte Am kommenden Freitag feiert das Volkstheater «Ittingen brennt» in der Kartause Ittingen Premiere. Historiker Peter Kamber, ein Kenner der Bauernaufstände der Reformationszeit, erläutert, was vor bald 500 Jahren geschah, und schlägt den Bogen zur aktuellen Politik. Christina Genova
Der Sturm auf die Kartause Ittingen als aquarellierte Federzeichnung in der Reformationschronik Heinrich Bullingers von 1605 (ZB Zürich). (Bild: Kartause Ittingen)

Der Sturm auf die Kartause Ittingen als aquarellierte Federzeichnung in der Reformationschronik Heinrich Bullingers von 1605 (ZB Zürich). (Bild: Kartause Ittingen)

Wen interessiert schon das 16. Jahrhundert? Regisseur Oliver Kühn vom Theater Jetzt hatte grosse Bedenken, als man ihm vor bald drei Jahren vorschlug, den Ittinger Sturm von 1524 als Theaterstück aufzuführen. Zum Glück liess er sich eines Besseren belehren: Alle regulären Aufführungen in Ittingen sind schon vor der Premiere ausverkauft und es gibt drei Zusatzvorstellungen. Auch Historiker Peter Kamber ist der Meinung, die damaligen Ereignisse hätten heute noch ihre Aktualität.

Am 19. Juli 1524 brannte die Kartause Ittingen. Was ist damals passiert?

Peter Kamber: Der Ittinger Sturm war so nicht geplant. Es kam dazu, nachdem reformierte Bauern aus der Region Stein am Rhein und Stammheim vergeblich versucht hatten, den reformierten Pfarrer Johannes Öchsli zu befreien, der vom katholischen Landvogt von Frauenfeld entführt worden war. Die Bauern hatten Hunger und Durst und die Kartause Ittingen lag in nächster Nähe, da beschloss man, einfach dorthin zu gehen. Ausserdem hatte der Prior der Kartause nach dem Bildersturm in Stammheim öffentlich Stellung für die alte Ordnung bezogen und den Bauern gedroht, und deswegen wollte man ihn zur Rede stellen.

Was geschah weiter?

Kamber: Die Eindringlinge verlangten, verköstigt zu werden. Die meisten der Bauern steuerten sofort zur Vorratskammer und zum Weinkeller. Der Wein floss in Strömen, alle Vorräte wurden aufgegessen und es kam zu einem Bildersturm. Am zweiten Tag wurden Teile der Klostergebäude in Brand gesetzt. Von Zürich waren sofort Ratsherren angereist, um die zürcherischen Bauern zum Abzug zu bewegen. Es war klar, dass ein Krieg zu entbrennen drohte, denn unterdessen mobilisierte der Landvogt von Frauenfeld seine Leute und die katholischen Innerschweizer waren auch nicht weit. Deshalb nahmen die Zürcher Kontakt auf mit den katholischen Eidgenossen und versuchten alles zu unternehmen, um die Bauern zu beruhigen.

Aus dem Ittinger Sturm wäre beinahe ein eidgenössischer Religionskrieg entstanden.

Kamber: Im 15. Jahrhundert zogen die Innerschweizer Eidgenossen während des Alten Zürichkriegs brandschatzend über die Zürcher Landschaft und vor einer Wiederholung hatte man schreckliche Angst. Die Zürcher verhinderten eine weitere Eskalation, indem sie die vermeintlichen Rädelsführer des Ittinger Sturms nach Baden auslieferten, wo man sie vor Gericht brachte und hart bestrafte. Bis auf eine Ausnahme wurden alle zum Tode verurteilt.

Wie lebten damals die Bauern, wie lebte man im Kloster?

Kamber: Die Klöster waren damals regionale Machtzentren; sie hatten riesigen Landbesitz und dazu gehörten auch Leibeigene, die harten Einschränkungen unterworfen waren. Sie mussten nicht nur zwei Tage Fronarbeit leisten, sondern es wurden ihnen auch strenge Erbrechtsbestimmungen auferlegt und sie durften nicht frei heiraten.

Sie schreiben in Ihrer Dissertation, dass die Bauern die neue reformatorische Lehre als eine Befreiungstheologie verstanden hätten.

Kamber: Die Kritiker der Bauern argwöhnten damals, dass jenen die Reformation «schmecke». Aber die Gründe lagen tiefer, die bäuerliche Reformation reicht weit zurück. Schon im späten Mittelalter hatten sich die einzelnen Dörfer aktiv und mit hohen Ausgaben für den Ausbau der kirchlichen Versorgung eingesetzt. Das Ziel war, mindestens eine Kapelle, möglichst aber eine Kirche mit einem eigenen Priester im Dorf zu haben, welchen man selbst einsetzen wollte. Die reformatorische Lehre, die besagte, dass nur Gott selbst etwas ausrichten könne und die Heiligen nichts taugten, dass man nur die Bibel lesen und beten müsse, hat den meisten Bauern sofort eingeleuchtet.

Die Ereignisse rund um den Sturm zu Ittingen liegen rund 500 Jahre zurück. Warum sollen wir uns heute noch damit auseinandersetzen?

Kamber: Fundamentalismen werden immer wieder spürbar, auch in unserer eigenen Kultur. Das sieht man zum Beispiel in dieser absurden Minarett-Debatte. Die Leute, die den moslemischen Gemeinden die Minarette verbieten, wollen ihre Kirchtürme exklusiv für sich haben und neiden den andern einen würdigen, religiösen Bau. Es ist schade, dass sie ihre eigene Geschichte nicht kennen und nicht wissen, wie sehr ihre Vorfahren damals im Spätmittelalter für einen eigenen Kirchturm kämpfen mussten. Denn sonst könnten sie vielleicht etwas Sympathie entwickeln für ihre moslemischen Miteidgenossen.

Kann man die Bauernaufstände der Reformationszeit, zu welchen der Ittinger Sturm zählt, mit heutigen Aufständen wie jenen in Syrien und Nordafrika vergleichen?

Kamber: Revolutionäre Prozesse ähneln sich und sind doch immer wieder ganz neu. Die Reformation ist ein Paradebeispiel für eine Revolution, die zustande kam, weil eine Macht – im vorliegenden Fall Kirche und Klöster – moralisch abgewirtschaftet hatte.

Ittingen brennt – ein Volkstheater. Die regulären Aufführungen sind ausverkauft. Zusatzvorstellungen am 16., 17. und 18.3.2012.

Historiker Peter Kamber. (Bild: Astrid Passin)

Historiker Peter Kamber. (Bild: Astrid Passin)

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