Aufs Spiel gesetzt, gewonnen

Der Schweizer Buchpreis 2013 geht an den Zürcher Jens Steiner für den Roman «Carambole». Überraschend setzte sich der 37-Jährige mit seinem zweiten Buch gegen starke Konkurrenz durch.

Bettina Kugler
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So sehen Sieger aus: Jens Steiner gewinnt den Schweizer Buchpreis 2013. (Bild: Luca Linder)

So sehen Sieger aus: Jens Steiner gewinnt den Schweizer Buchpreis 2013. (Bild: Luca Linder)

Im Endspurt erinnert das Rennen um den diesjährigen Schweizer Buchpreis ein wenig an das alljährliche Ritual rund um den grossen internationalen Bruder, den Literatur-Nobelpreis. Da werden im Vorfeld die ewigen Anwärter gehandelt, kurz vorher tritt ein sicherer Geheimtip auf den Plan – und schliesslich freut sich einer, mit dem man nicht ernsthaft gerechnet hat. Verdient allerdings hat Jens Steiner den Preis für seinen Roman «Carambole» zweifellos, auch wenn die Konkurrenz einschüchternd stark war und es der fünfköpfigen Jury schwer gemacht haben dürfte, eine Wahl zu treffen.

Noch vor zwei Tagen feierte die Schweizer Ausgabe der «Zeit» den in München lebenden Jonas Lüscher mit der Novelle «Frühling der Barbaren» bereits als sicheren Gewinner und druckte ein grosses Interview mit ihm über die Tücken des Erfolgs. Jens Steiners Medienpräsenz war seit Erscheinen von «Carambole» im August leiser, konzentriert auf literarische Aspekte – während Lüschers Erstling, eine exotisch gefärbte Gesellschaftsgroteske im Zeichen der Finanzkrise, vor allem thematisch den Nerv der Zeit getroffen hat.

Die Auswahl: Jung, verspielt

Auffallend an der diesjährigen Shortlist: Mit Ausnahme des erfahrenen Ralph Dutli sind alle nominierten Autoren unter vierzig. Die Jury betont freilich, damit kein explizites Bekenntnis zum Nachwuchs abzugeben; es seien «einfach die fünf besten Bücher des Jahres». An «Carambole» überzeugte vor allem die «grosse poetische Kraft», mit der Steiner unspektakulären Figuren eine Stimme gebe – «in zwölf Runden» entsteht dabei ein raffiniertes Geflecht von Geschichten rund um ein nicht näher benanntes Schweizer Durchschnittsdorf, erzählt aus wechselnden Blickpunkten, mit nie nachlassender untergründiger Spannung.

Der Hang zum Spielerischen ist dabei unverkennbar und beschränkt sich nicht auf den Titel. «Carambole» ist ein billardähnliches Brettspiel, bei dem Steine geschickt in Bewegung gebracht und, sich anstossend, in Löchern versenkt werden müssen. Spielerisch experimentiert Steiner sowohl mit der Sprache als auch mit der Erzählweise, aus der sich Zusammenhänge nach und nach wie in einem Puzzle zusammensetzen. Wobei die eine oder andere Leerstelle durchaus bewusst bestehen bleibt.

«Nein, er lebt nicht in Berlin»

Nicht jeder mag diese Offenheit, das weiss der 37jährige Zürcher aus Leserfeedbacks in Online-Foren, die er mit Interesse verfolgt. Wenn ihn freilich etwas mit seinen Figuren eint, dann der gewisse Eigensinn, gegen den Strom zu schwimmen oder auszuharren. «Nein, er lebt nicht in Berlin», liest man in der Kurzbiographie auf seiner Homepage – was mehr über das Imagedesign angesagter Autoren sagt als über Steiner selbst. Er lässt lieber seine Bücher sprechen.

Dabei kennt er die Kniffe, die ein Buch von der ersten Seite an spannend machen und einen Verlag überzeugen. Bis vor kurzem hat der studierte Philosoph als Lektor gearbeitet, erst bei Egon Ammann, später bei Kein & Aber und Rotpunkt. Nun hat er die Seiten gewechselt. Auf den Erfolg um jeden Preis schreibt Steiner jedoch nicht hin – umso mehr gelingt es ihm in «Carambole», den Leser tief in das Netz von Bezügen zu verstricken. Nach dem erfolgreichen Début «Hasenleben» (2011), mit dem er es auf Anhieb auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte, ist «Carambole» sein zweiter Roman – und wieder kam er damit in die Auswahl sowohl zum Deutschen als auch zum Schweizer Buchpreis.

Ein Jubeljahr für den Verlag

Mit ihm freuen darf sich der kleine, erlesene Zürcher Dörlemann-Verlag, der übrigens auch die diesjährige Nobelpreisträgerin Alice Munro im Programm hat. Das zeugt von Sachverstand und Sinn für literarische Qualität, unabhängig von Auflagenzahlen. Wie sich der Schweizer Buchpreis darauf auswirkt, muss sich für Dörlemann erst zeigen – bislang hat «Carambole», trotz einhelligen Kritikerlobs und Vorschusslorbeeren in Gestalt des Förderpreises «Das zweite Buch», bescheidene 4500 verkaufte Exemplare erreicht.

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