AUFREGUNG: Chronik eines heissen Juli

Eine abgesagte und dann doch durchgeführte Lesung bescherte «Fräulein Stark» 2001 unerwartete Aufmerksamkeit.

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Die mumifizierten, sterblichen Überreste von Schepenese, gelten als heimliche Hauptattraktion der Bibliothek, die jährlich von 100 000 Besuchern aus aller Welt besichtigt wird. (Bilder: Benjamin Manser, Urs Bucher)

Die mumifizierten, sterblichen Überreste von Schepenese, gelten als heimliche Hauptattraktion der Bibliothek, die jährlich von 100 000 Besuchern aus aller Welt besichtigt wird. (Bilder: Benjamin Manser, Urs Bucher)

Am 16. Juli 2001 titelt das «St. Galler Tagblatt»: «Autor wieder ausgeladen». Am 18. Juli: «Hürlimann liest doch». Die zwei Titel stehen für einige turbulente Sommertage in St. Gallen, in denen es um Begriffe wie Kulturskandal, Zensur, katholischer Filz, Persönlichkeitsschutz und literarische Freiheit geht – wo aber auch von Provinzposse und Sommertheater die Rede ist.

Angel- und Mittelpunkt all dessen: Das neue Buch «Fräulein Stark» von Thomas Hürlimann. Eine private Lesung in Zürich hat im Mai die Neugier auf die St.-Gallen-Novelle geweckt, wie das Tagblatt meldet. Erscheinen soll sie Anfang August, begleitet von einer Lesung in der St. Galler Rösslitor-Buchhandlung.

Doch bevor es soweit ist, heizt sich der Sommer auf. Johannes Duft, Hürlimanns Onkel und früherer Stiftsbibliothekar, sieht sich und seine titelgebende Haushälterin im Buch verunglimpft. Er publiziert die elfseitige Broschüre «Bemerkungen und Berichtigungen zum Buch ‹Fräulein Stark› von Thomas Hürlimann», der er das Motto voranstellt: «Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar – dem schriftstellernden Neffen – nicht gefällt.»

Erinnerungen an ein Theaterverbot von 1984

Während die Öffentlichkeit über die Details des Buches noch im Ungewissen ist, distanziert sich Duft von der Darstellung der Figuren und wirft dem Autor «bösartige Unterstellungen» vor. Verleger Egon Ammann versucht zu beschwichtigen und beteuert, die Figuren seien «liebevoll gezeichnet». Duft verwechsle schriftstellerische Fiktion mit der Realität.

Dann die Meldung vom ­16. Juli, nach Druck aus CVP-Kreisen habe die Buchhandlung die Lesung abgesagt. Sofort werden Erinnerungen wach: 1984 hatte der zuständige CVP-Stadtrat die Bewilligung für Hürlimanns Stück «Grossvater und Halbbruder» am Originalschauplatz auf Drei Weieren verweigert, nachdem Hürlimanns St. Galler Verwandtschaft aus einflussreichen CVP-Kreisen interveniert hatte.

Als Leserbrief schiebt Rösslitor-Direktor Martin Brühwiler am 17. Juli eine Klarstellung nach: Der Lesung habe er ursprünglich zugestimmt, weil die betroffenen Personen laut Verlag «keinerlei Einwände gegen den Inhalt und die Darstellung hätten». Nachdem das offensichtlich so nicht stimme, habe er den Termin abgesagt. «Da braucht es keinen wie auch immer gearteten Druck, und es hat auch keinen gegeben.»

Inzwischen ist Gottlieb F. Höpli, der damalige Chefredaktor des «St. Galler Tagblatts», aktiv geworden. In Zusammenarbeit mit Peter Schweiger, dem Schauspieldirektor des Theaters St. Gallen, macht er die Lesung doch noch möglich. «Dass da eine solche Lesung am Ort, wo die Erzählung spielt, verhindert werden sollte, konnte ich nicht akzeptieren», sagt er heute im Rückblick. «Für mich wäre das ein Sieg des alten Fürstbistums über die republikanisch-bürgerliche Stadt gewesen, für die das Tagblatt seit jeher eingestanden war.»

Erstverkaufstag mit Harry-Potter-Dimensionen

Die Lesung soll am 25. Juli im Foyer des Theaters stattfinden. Während in Leserbriefen über Für und Wider des Buches und der Lesung debattiert wird, lässt sich Johannes Duft mit einem überraschendem Statement vernehmen. Es sei richtig, dass das Buch gelesen und vorgestellt werde, «nur nicht bei Rösslitor». Das hätte ihm als Gründungsmitglied der Buchhandlung einfach wehgetan.

Buch und Lesung stossen auf Interesse. Am 21. Juli, dem vorgezogenen Auslieferungstag, erreicht der Verkauf in der St. Galler «Bücherinsel» Harry-Potter-Dimensionen. Zur Lesung drängen am hochsommerlichen Abend des 25. Juli gegen 500 Besucher ins Theater. Es wird ein anregender Abend, «der Neffe hat alle Sympathien», wie das Tagblatt titelt. Und als Spätfolge findet «die St. Galler Pantoffel-Posse» Einzug in fast jede Rezension des Buches – von «Coop-Zeitung» bis «Spiegel».

Beda Hanimann

beda.hanimann

@tagblatt.ch