Aufbruch am Lebensende – im British Empire

Jane Gardams spannender Roman «Ein untadeliger Mann» erzählt von einer ungewöhnlichen Reise in die Vergangenheit. Der pensionierte Richter Edward Feathers ist alt, sehr gross und immer noch attraktiv.

Bernadette Conrad
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Jane Gardam, Ein untadeliger Mann. Aus dem Englischen von Isabel Bogdan. 346 Seiten. Hanser Berlin Verlag, Fr. 31.90.

Jane Gardam, Ein untadeliger Mann. Aus dem Englischen von Isabel Bogdan. 346 Seiten. Hanser Berlin Verlag, Fr. 31.90.

Jane Gardams spannender Roman «Ein untadeliger Mann» erzählt von einer ungewöhnlichen Reise in die Vergangenheit. Der pensionierte Richter Edward Feathers ist alt, sehr gross und immer noch attraktiv. Ist es die Aura von Würde und Selbstbeherrschung? Der alte englische Stil? Was mit ihm auflebt, oder für ein nichtbritisches Publikum erst ersteht, ist das britische Empire im letzten Glanz. Richter Feathers hatte es in Hongkong mit Würde und starker Hand vertreten. Seine Frau Betty war seine perfekte Ergänzung und hatte ihm den Rücken freigehalten. Nun ist sie beim Tulpensetzen im Garten tot umgefallen – Feathers selbst fällt auf sich zurück. Radikal allein – denn seit sie sich nach seiner Pensionierung aufs Land zurückgezogen haben, hatten Edward und Betty selbstgenügsam und ohne Freundeskreis gelebt.

Ein Leben ohne Hintergrund

Unerwartetes passiert. Der Richter tritt bei dichtem Schneefall kurz vor Weihnachten vor die Tür, die zuschlägt. Er muss Hilfe im Nachbarhaus suchen, wo sich ausgerechnet sein bitter gehasster Kollege aus Hongkonger Zeiten niedergelassen hat. Wenig später setzt sich der Richter ins Auto, um – halb ziellos, halb ferngesteuert – jene wenigen Menschen aufzusuchen, die ihm aus früheren Tagen geblieben sind. Ein Leben rollt sich auf, das vor langer Zeit in Verlassenheit und ohne jede schützende Ordnung begann. «Ich habe keinen Hintergrund. Ich wurde von meinem Hintergrund geschält.» Bei einer seiner Reisen erzählt Edward es der Schwiegertochter seiner Cousine: «Betty und ich waren sogenannte Empire-Waisen. Wir wurden mit vier oder fünf Jahren in Pflegefamilien gegeben und haben unsere Eltern dann mindestens vier Jahre nicht gesehen. Wir hatten Pech… Wenn man als Kind nicht geliebt wird, kann man später kein Kind lieben.» Alle Stationen dieses Lebens geht der alte Richter zurück, bis ins Südostasien seiner frühen Kindheit. Die Beschläge seines schweren Koffers von der Marke «Revelation» sind beschriftet: «Islam» steht drauf, der Name eines wichtigen Anwalts in Brunei, sagt Old Filth. Vorher hat er noch eine Beichte abgelegt – aus der Kindheit hatte er nicht nur Einsamkeit, sondern auch Schuld mitgenommen.

Am Ende Licht in dunkle Winkel

Jane Gardam erzählt die Geschichte des alten Herrn, der am Ende seines Lebens zu sich selbst aufbricht, in dichter Sprache: Mit Spott und Wehmut, feiner Ironie und klugen Analysen. So nah man ihrem Protagonisten auch kommt: Old Filth, den viele längst nicht mehr für einen Menschen, sondern für einen Mythos halten, entwindet sich sogar dem Schreibzugriff der Erzählerin. Sie erzählt spannungsvoll von einem Menschen, der sich in vielem selbst verborgen und verschlossen bleiben musste. Erst am Ende seines Lebens schafft er es, Licht in die dunklen und schmerzhaften Winkel zu bringen.