AUFBRUCH: Achtundsechzig war auch weiblich

1968 und die Frauen. Wer da nur an Uschi Obermaier, sexuelle Befreiung und Hippie-Glück denkt, liegt falsch. Die Frauen von damals wirkten breit und nachhaltig in Richtung Emanzipation.
Susanne Holz
Viele Männer – eine Frau. Unruhen am 30. Mai 1968 in Paris. Der Einsatz der Frauen war aber weit grösser, als es dieses Bild vermittelt. (Bild: Getty)

Viele Männer – eine Frau. Unruhen am 30. Mai 1968 in Paris. Der Einsatz der Frauen war aber weit grösser, als es dieses Bild vermittelt. (Bild: Getty)

Susanne Holz

Klar, die hübsche Uschi Obermaier, Fotomodell und Bewohnerin der Berliner Kommune 1, war eine Show. Die damals 22-Jährige scherte sich einen Dreck um ­bürgerliche Konventionen und machte sich für die sexuelle Revolution stark.

Und, ja, man erinnert sich gerne an die vielen Blumenmädchen in ihren langen Hippie-Kleidern und an das Gefühl der Freiheit, das damit einherging – Ende der Sechziger. Doch war es das wirklich von weiblicher Seite? Freier Sex und freie Kleiderwahl – den Rest erledigten die Männer?

Männer wie Rudi Dutschke, Wortführer der westdeutschen Studentenbewegung und Vordenker des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) sowie der Ausserparlamentarischen Opposition (APO). Rudi Dutschke war akademisch und politisch gebildet, belesen und wortgewandt. Doch genau dieser hohe Grad an Bildung war in den Sechzigern noch vielen Frauen verwehrt. Und während Männer wie Dutschke für einen gerechten Sozialismus und eine Weltrevolution im Sinne der Abschaffung von Hunger, Krieg und Herrschaft kämpften, machten sich die Frauen daran, ihre Rechte auf Selbstbestimmung, Bildung, Berufsausübung und externe Kinderbetreuung einzufordern.

Lebensentwürfe von Frauen aller Schichten änderten sich

In ihrem dieses Jahr erschienenen Buch «Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte» schreibt Christina von Hodenberg: «Frauen wurden Achtundsechzigerinnen, indem sie sich selbst und das Land veränderten.» Das weibliche Achtundsechzig habe etwas qualitativ Neues in die Revolte eingebracht: die Revolutionierung der Geschlechterrollen und die Freisetzung weiblicher Entscheidungsspielräume im Privaten.

Die Professorin für Europäische Geschichte an der Queen Mary University in London geht sogar noch weiter und sagt: «Während die männlich definierte Seite der Revolte langfristig ins Leere lief, gewann das weibliche Achtundsechzig an Fahrt und Durchschlagskraft, indem es die Selbstwahrnehmung und die Lebensentwürfe von Frauen in allen Schichten der Gesellschaft veränderte.»

So war Achtundsechzig eben doch mehr als eine Angelegenheit junger männlicher Studenten in Städten wie Paris, Ber- lin, Frankfurt. Mehr als Rudi Dutschke, SDS und Berliner Kommune 1. Historikerin von Hodenberg gibt obendrein offen zu bedenken: «Verstellte der Kampf gegen den Kapitalismus letztlich den Blick auf die patriarchalischen Strukturen im privaten Umfeld und der eigenen Psyche?»

Dass das männliche Achtundsechzig noch stark in patriarchalischem Denken verhaftet war, macht die Historikerin unter anderem am Beispiel von Rudi Dutschke und seiner Frau Gretchen Dutschke-Klotz deutlich. Gretchen Dutschke war damals Theologiestudentin, Studentenaktivistin, ab 1966 mit Rudi Dutschke verheiratet und bald auch Mutter. Von ihr stammte die Idee zur Bildung von Kommunen nach amerikanischem Muster. Von Hodenberg zitiert Gretchen Dutschke mit der Aussage, es furchtbar gefunden zu haben, dass man sie nur als «Frau von Rudi» sah und sich nur für diesen interessierte.

Gretchen habe sich über Rudis häufige Abwesenheit, seine Geringschätzung der Hausarbeit und «über die Überheblichkeit der Leute, die Rudi in unserer Wohnung besuchten und alles dreckig zurückliessen» geärgert. Es war ein wohl typisches Ärgernis: Während die Männer für die Revolution im Einsatz waren, machten die Frauen zu Hause sauber, hüteten Kinder und tippten Flugblätter. Gretchen Dutschke-Klotz: «Er sah, dass ich für mich eine gewisse Unabhängigkeit wollte, aber es blieb ihm ein Rätsel, was es bedeutete und wie es zu erreichen wäre.»

Von den Suffragetten zu den Feministinnen

Was Gretchen Dutschke störte, störte auch die zwei SDS-Frauen Helke Sander und Sigrid Damm-Rüger. Diese kündigten im September 1968 auf einem Frankfurter SDS-Kongress «den Kampf um Gleichberechtigung mit einer beherzten Rede und anschliessenden Tomatenwürfen an». Von Hodenberg nennt diese publikumswirksame Aktion «die Spitze eines Eisbergs». Vielen Zeitgenossen seien sie verborgen geblieben: «die Breite des Wandels, die vieltausendfachen Konflikte im privaten Rahmen der Familien und Ehen, die sich seit 1968 wie ein Wildfeuer ausbreiteten».

In den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts kämpften speziell in Grossbritannien und den USA die Suffragetten für ein allgemeines Frauenwahlrecht. In den Sechzigern und Siebzigern begannen die Frauen der westlichen Welt, für ihre Freiheit insgesamt und im persönlichen Alltag zu kämpfen. Sei es mit der Etablierung von Kinderläden, um arbeiten zu können, sei es mit einem öffentlichkeitswirksamen Streich wie der Zeitschriftenaktion «Ich habe abgetrieben» 1971 im «Stern» unter In­itiatorin Alice Schwarzer. Frauen brachen auf und brachen gesellschaftliche Verkrustungen auf.

Hinweis

Christina von Hodenberg: «Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte». C. H. Beck 2018. 37 Franken

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