Auf Tuchfühlung mit dem Tod

Heute trifft sich die Totentanz-Vereinigung Schweiz zu ihrer Jahresversammlung in St. Gallen – ein kleiner Zirkel, zu dessen Interessengebiet Victor Manser vom Historischen und Völkerkundemuseum in einer alten Truhe fündig wurde.

Bettina Kugler
Drucken
Teilen
Was im Museumskeller lagert, hat Victor Manser inventarisiert – auch die Pausen des Wiler Totentanzes. (Bild: Benjamin Manser)

Was im Museumskeller lagert, hat Victor Manser inventarisiert – auch die Pausen des Wiler Totentanzes. (Bild: Benjamin Manser)

ST. GALLEN. Sein wichtigstes Helferlein liegt auf dem Schreibtisch griffbereit: die grosse Lupe. «Die brauche ich; da bin ich wie Sherlock Holmes», sagt Victor Manser und lacht. Neugierig sei er – und damit als Registrar im Historischen und Völkerkundemuseum am rechten Ort. Seine Arbeit bewegt sich zwischen den Bereichen Ausstellung, Konservierung, Administration und Depot. Manser inventarisiert Neuzugänge und die Bestände der Sammlung, das heisst: er fotografiert die Objekte, beschreibt sie und erfasst sie in der digitalen Datenbank. Eine Aufgabe, die ihm erlaubt, die guten Stücke ganz genau in Augenschein zu nehmen; wenn nötig, auch einmal einen Blick ins Innere zu werfen, den Deckel einer alten Holztruhe zu lüften.

Ein Schlüssel, der passte

Zu einer fehlte lange der Schlüssel: zu einer Truhe aus Altstätten, die in der Dauerausstellung des Historischen Museums im Rickenbachzimmer zu sehen war. Dann tauchte plötzlich doch ein Schlüssel auf; er passte – und zum Vorschein kamen «geheimnisvolle Bildrollen». Sie bekamen die Inventarnummer HVM 2009.022 1–12. Seither hat Victor Manser reichlich mit ihnen zu tun. Es handelte sich um die in Fachkreisen als verschollen geglaubten Bildrollen aus dem Beinhaus Wil: zwölf Pausen der Totentanz-Wandmalerei in Originalgrösse, die der österreichische Bildhauer und Restaurator Joseph Regl zwischen 1879 und 1886 vor dem Abbruch des Beinhauses anfertigte. Die dünnen Pausen wurden später auf festeres Papier und Holzrollen aufgezogen – wie Landkarten zum Aufhängen.

Victor Manser hat die Geschichte dieser Wandmalereien aufgearbeitet. Sie stammen aus der Spätgotik, vermutlich nicht aus einer Hand. Im 18. Jahrhundert wurden sie übertüncht und 1879 wieder freigelegt – in einer Zeit des Aufschwungs. «Damals waren die Kirchen auf einmal zu klein», sagt Victor Manser. Beinhaus und Liebfrauenkapelle, an die um 1000 gebaute ursprüngliche Pfarrkirche angebaut, mussten einem Neubau im neugotischen Stil weichen.

Mit ihnen der kunsthistorisch wertvolle Totentanz: ein seinerzeit beliebtes Sujet mit Wurzeln in Frankreich zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Dargestellt ist ein Reigen von Totengestalten paarweise mit den Lebenden, meist von links nach rechts in der Hierarchie der spätmittelalterlichen Gesellschaft, von Papst, Kaiser, Kardinal, König bis zum Bettler, zum kleinen Kind, begleitet von erklärenden Versen. «Die Bilder sollten den Betrachter daran erinnern, dass auch er nur Gast auf Erden ist, dass Macht und Ruhm vergänglich sind, dass die Menschen vor dem Tod gleich sind», sagt Victor Manser.

«Lebendiges Interesse an diesem lange vernachlässigten Kulturgut» hat seit ihrer Gründung 1986 in Willisau die Schweizerische Totentanz-Vereinigung; ein kleiner, kunst- und kulturhistorisch interessierter Zirkel. Derzeit zählt die Schweizer Sektion rund 70 Mitglieder aus unterschiedlichen Berufen; der wohl prominenteste Kopf darunter ist der Medizinhistoriker und Politiker Christoph Mörgeli, Vize-Präsident der Europäischen Totentanz-Vereinigung.

Das Thema Tod fasziniert

Der Verein unterstützt Restaurationen und kunstgeschichtliche Publikationen und bringt mehrmals im Jahr einen Rundbrief heraus. Dort hat Victor Manser seine Recherchen zum Wiler Totentanz bereits dokumentiert; heute wird er darüber an der Jahresversammlung der Totentanz-Vereinigung noch einen Vortrag halten. Der Kontakt ergab sich über Rainer Stöckli, der in den 1980er Jahren ein Buch über Totentänze geschrieben und in der Vadiana präsentiert hat. «Ich selbst bin nicht Mitglied der Vereinigung», sagt er, «aber das Thema interessiert und fasziniert mich, seit ich hier im Museum arbeite.» Die Sammlung biete reichlich Stoff dafür – wenn auch insgesamt wesentlich weniger Sakralkunst als der Domschatz. Und Ausstellungen, die sich mit Tod, Totengedenken und Jenseitsvorstellungen beschäftigen, zögen viel Publikum an.

Erst Pädagoge, dann Registrar

1988 wurde Victor Manser als Museumspädagoge ans Historische und Völkerkundemuseum gewählt; damals war das noch Neuland, kein weit entwickeltes Berufsfeld. In den Jahren davor hatte er als Sekundarlehrer gearbeitet; zu theoretisch war ihm das Geschichtsstudium in Bern gewesen. Lieber greift er zur Lupe und geht mit Neugier alten, handfesten Sammlungsobjekten auf den Grund.

Vortrag zu den Bildrollen und den Wiler Totentanz heute 14.15 Uhr, Historisches und Völkerkundemuseum St. Gallen.

Aktuelle Nachrichten