Auf Tour mit zehn Techno-Freaks

«Magical Mystery», der neue Roman von Sven Regener, führt in die Rave-Szene der 90er. Das heisst viel Gerede, ein enger Tourbus und ein Wiedersehen mit Karl Schmidt, dem besten Freund von Herrn Lehmann.

Nina Rudnicki
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Sven Regener: Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt, Galiani 2013, 503 S., Fr. 34.90

Sven Regener: Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt, Galiani 2013, 503 S., Fr. 34.90

Wirre Dialoge und sinnlose Blödeleien, die sich über Seiten erstrecken, dafür lieben die Leser Sven Regeners Bücher. Und natürlich für die gnadenlose Enttarnung des Irrwitzes im Alltag. «Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt», so der Name von Regeners neuem Roman, scheint da vielversprechend. Magical Mystery, wie jener Film der Beatles, in dem sich die Band mit ein paar Freunden auf eine skurrile Busreise begibt, um etwas Magisches zu erleben. Der Film wurde zum Misserfolg. Und auch die zehn Techno-Freaks, die Regener zusammen mit zwei Meerschweinchen auf Magical-Mystery-Tour quer durch Deutschland schickt, schrammen an Desastern immer nur gerade knapp vorbei.

Altbekannter hinter dem Steuer

Hinter dem Steuer des Magical-Mystery-Tourbusses sitzt ein Altbekannter, Karl Schmidt. «Denkt an die Elektrolyte, der Elektrolytmangel ist der grösste Feind des Trinkers» mahnt er in Regeners erstem Roman «Herr Lehmann» seine Kumpels noch. Bis er selbst nach mehreren Nächten ohne Schlaf durchdreht, seine Kunstwerke zusammenschlägt und dann zusammenbricht. «Elektrolytmangel», stellt der Arzt fest, bei dem ihn sein bester Freund Herr Lehmann abgegeben hat. Es ist der Abend des Mauerfalls.

Fünf Jahre später, mitten in den 90er Jahren, ist Karl Schmidt nun der Erzähler. Seit dem Mauerfall hat er alles verpasst. Nach seiner Zeit in der Psychiatrie dümpelt er in einer Wohngruppe für Ex-Junkies, im Clean Cut 1 in Hamburg-Altona, vor sich hin. Eines Tages trifft er im Eiscafé La Romantica auf seinen alten Kumpel Raimund Schulte, mit dem zusammen er früher bei der Band Glitterschnitte spielte. Schulte betreibt mittlerweile erfolgreich die Techno-Labels BummBumm und Kratzbombe. Wie es der Zufall so will, sucht er für seine Tour einen Fahrer, der nicht trinkt, keine Drogen nimmt und nach den Raves die zugekokste Crew zu den Hotels fährt. Da kommt Karl Schmidt wie gerufen.

Bis ins Unerträgliche

Das beginnt vielversprechend und natürlich passiert einiges. Ein Meerschweinchen stirbt, Karl verliebt sich und dann landen die Techno-Freaks auch noch auf dem Land an der monatlich stattfindenden Rollstuhlfahrer-Disco. Aber spätestens an dieser Stelle ist klar: Die ganze Magical-Mystery-Tour verkommt zu einer Parodie der 90er-Jahre und der Rave-Szene. «Alles tippitoppi Mann, I love it», «Tippitoppi?», «I love it, Mann, Charlie, ich sag dir, du glaubst es nicht, BummBumm, weisst du noch, wie ich dir davon erzählt hatte?» Dialoge wie dieser zwischen Karl Schmidt und Schulte setzen sich schon mal über mehrere Seiten fort, manchmal bis ins Unerträgliche. Und dann wünscht man sich beim Lesen doch, dass auf irgendeiner der 500 Seiten Herr Lehmann auftauchen möge, um einen von diesem Blödsinn zu erlösen. Nicht dass Lehmann nicht weniger Quatsch von sich gegeben hätte, wie etwa, wenn er sich wie in Regeners zweitem Roman «Neue Vahr Süd» um Kopf und Kragen redet, um aus dem Militärdienst entlassen zu werden. Aber irgendwie wirkte das origineller. Das Gerede in der Partyszene erscheint dagegen oberflächlich und abgelöscht, was an manchen Stellen sehr langweilt. Aber vielleicht ist das ja genau das, was uns das Buch sagen soll.