Auf Stimmenfang in Sachen Musik

Der neue Musikfilm von Stefan Schwietert «Imagine waking up tomorrow and all music has disappeared» hat ein faszinierendes Thema: Wie ist unser Verhältnis zur Musik? Der Schotte Bill Drummond hat dazu eine klare Meinung.

Andreas Stock
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Fällt mit seinen Musikprojekten aus dem Rahmen: Konzeptkünstler und Musiker Bill Drummond. (Bild: pd/Looknow)

Fällt mit seinen Musikprojekten aus dem Rahmen: Konzeptkünstler und Musiker Bill Drummond. (Bild: pd/Looknow)

Musik ist ständig verfügbar und konsumierbar. Wer auf dem Smartphone oder MP3-Abspielgerät einen Song auswählt, durchstöbert oft während des Hörens bereits seine Listen nach dem nächsten Song. So ging es Bill Drummond. Der schottische Musiker und Konzeptkünstler merkte, wie es seine Beziehung zur Musik verändert, die Musik an Bedeutung verlor. Es war der Beginn eines weiteren radikalen Umbruchs in der künstlerischen Arbeit von Drummond.

Davon erzählt Stefan Schwietert. Der Schweizer Dokumentarfilmer ist bekannt für Musikfilme wie «A Tickle in the Heart», «Accordion Tribe» oder «Heimatklänge». «Die verbindende Frage dabei war immer, wo kommt eine bestimmte Musik her und wohin entwickelt sie sich», sagt Schwietert beim Treffen in Zürich. «Diesmal interessierte mich, wie sich die Funktion von Musik verändert.»

Einmal und nie wieder

Man stelle sich vor, man würde eines Tages erwachen, und es gäbe keine Musik mehr. Auch keine Instrumente oder Vorstellung davon, wie Musik tönt. Auf diese These, die dem Film seinen langen Titel gibt, spricht Bill Drummond die Zuschauer direkt an. Der Schotte erklärt, wie seine Idee zu «The 17» entstanden ist. Es handelt sich um ebenso lustvolle wie kompromisslose Interventionen. Drummond involviert unterschiedlichste Menschen in spontane, einmalige Laienchöre. Die Aufführungen sind an Ort und Zeit gebunden, sie werden nicht wiederholt und lassen sich nicht reproduzieren.

Schwietert begleitete ihn drei Wochen bei einem der Projekte, die ein numerisches Werkverzeichnis haben. Für «Score 318 – Consider» fuhr Drummond entlang eines bestimmten Breitengrads durch England, Wales und Irland. Er spricht Leute an und bittet sie zu singen. Oft nur einen Ton, manchmal eine kurze Tonfolge. Wir erleben, wie es ihm mit Enthusiasmus und Charisma gelingt, die Menschen zum Mitsingen zu gewinnen: Feldarbeiter, Taxifahrer, Schulkinder, Fabrikangestellte, Rentnerinnen und Nonnen. Bill Drummond schneidet die Aufnahmen zusammen und spielt das Werk einmal öffentlich ab. Direkt danach werden die Aufnahme sowie sämtliches Material unwiderruflich gelöscht. Für den Film bedeutete es konsequenterweise, dass man die Aufführung zwar sehen, aber nicht hören kann.

Am Puls des Publikums

«Der Film war von Anfang an auf dieses Ende hin konzipiert», sagt Schwietert und erklärt, dass es eine Herausforderung war, wie er das erzählen sollte: «Es kann frustrierend sein, weil man die Reise begleitet und das Ergebnis nicht hören kann. Aber es war klar, dass es so sein muss.» Um das Publikum einzubinden, schuf Schwietert mit «Score 405: Pulse» für den Abspann ein eigenes Projekt – und er fühlt damit wortwörtlich den Puls des Publikums. «Imagine waking up tomorrow…» fasziniert damit, wie es Drummond gelingt, die Leute für seinen «Stimmenfang» zu begeistern; der Film geht aber über ein Dokument zu «The 17» hinaus. Er fordert auf, sich Gedanken über das eigene Verhältnis zur Musik zu machen: Was ist Musik, was bedeutet sie mir, wozu dient sie?

Kompetent und streitbar

Bill Drummond ist dafür ein ebenso kompetenter wie streitbarer Kopf, und die Inszenierung spiegelt in ihrer fast rohen Erzählweise dessen Charakter. Kompetent, weil er Teil des Musikbusiness war und er um die Kreativität des Musikmachens weiss. Streitbar, weil seine provokante Haltung zwar widersprüchlich, aber ebenso inspirierend ist. Drummond hatte eine erfolgreiche Karriere als Musiker der Band The KLF, die er Knall auf Fall beendete. Schlagzeilen machte auch, weil er öffentlich eine Million Pfund verbrannte, die er mit Musik verdient hatte. Weil er sämtliche Aufführungsrechte der Songs von The KLF sistierte, ist bis auf alte Platten nichts erhältlich oder zu hören.

Schwietert schlägt hier Drummond augenzwinkernd mit den eigenen Waffen: Er lässt Leute auf Londons Strassen die Hits von The KLF singen. «Streng juristisch hätte er mir das verbieten können, weil ich die Aufführungsrechte nicht habe», verrät der Regisseur, «doch wie gehofft, fand er die Idee aber kreativ».

Jetzt im Kinok St. Gallen, weitere Kinos werden folgen.