Auf schmalen Kufen in die Magersucht

Mit «My Skinny Sister» ist ein ausgezeichneter Film über Magersucht im Kino zu sehen. Das Drama der Schwedin Sanna Lenken überzeugt durch Genauigkeit und Einfühlungsvermögen. Die Krankheit wird aus dem Blick der jüngeren Schwester geschildert.

Andreas Stock
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Durchschaut ihre Schwester: Stella (Rebecka Josephson, rechts). (Bild: pd/First Hand Films)

Durchschaut ihre Schwester: Stella (Rebecka Josephson, rechts). (Bild: pd/First Hand Films)

Sie weiss, wovon sie hier erzählt. Sanna Lenken litt als Teenager selbst an Essstörungen. Nach dem Kurzfilm «Eating Lunch» vertieft die schwedische Filmemacherin nun mit «My Skinny Sister» das Thema in ihrem abendfüllenden Spielfilmdébut. Sie stellt die Krankheit dabei nicht plakativ ins Zentrum, sondern blickt einfühlsam auf die Beziehung zwischen zwei Schwestern.

Alle Aufmerksamkeit für Katja

Sann Lenken erzählt den Film aus der Perspektive der jüngeren Schwester: Die 12jährige Stella steht vor ihrer Pubertät. Sie schreibt erotische Gedichte und hat sich in den dreimal so alten Jacob verliebt, den Eiskunstlauf-Lehrer ihrer Schwester Katja. Doch mit Jacob ergeht es Stella ein wenig wie zu Hause: Alle interessieren sich vor allem für Katja. Stella akzeptiert das meist still, doch zwischendurch protestiert sie durchaus auf trotzige Art dagegen.

Trotz der hohen Aufmerksamkeit, die die 16-Jährige geniesst, ist es aber die kleine Schwester, der auffällt, dass mit der ehrgeizigen Katja etwas wohl nicht mehr stimmt. Die trainiert sehr hart für ihr Eiskunstlaufen, ist aber immer öfter auch gereizt und gehässig gegenüber ihrer Schwester. Bald wird Stella Zeugin davon, dass ihre Schwester tatsächlich krank ist. Doch Katja erpresst Stella ihr Schweigen ab.

Mädchen im Dilemma

Sann Lenken ist ihren jungen Protagonistinnen nah. Glaubwürdig und sensibel schildert sie die Verunsicherungen, in denen insbesondere Stella steckt, die so ganz anders als ihre Schwester ist. Das leicht pummelige Mädchen betrachtet Katja als Vorbild, sie macht darum beispielsweise selber auch Eiskunstlauf, obwohl es ihr nicht sehr viel Freude zu bereiten scheint. Und sie registriert die Stimmungsschwankungen und Schwächeanfälle der Schwester, wie sich diese abzukapseln beginnt. Und weiss dennoch nicht, was sie tun soll. Sie will Katja nicht verraten und spürt dennoch, dass sie Hilfe braucht. Das kleine Mädchen beginnt immer stärker unter diesem Dilemma zu leiden.

Mit Rebecka Josephson hat die Regisseurin ein grosses Talent entdeckt. Die Enkeltochter des bekannten schwedischen Schauspielers Erland Josephson verkörpert in ihrem Filmdébut Stella mit einer zurückhaltenden Eindringlichkeit, die fesselt. Von den ersten Minuten an gewinnt einen dieses Mädchen mit seiner stillen Neugier und Sensibilität – und seinen Nöten einer Heranwachsenden. Und auch Amy Deasismont (in Skandinavien eine bekannte Sängerin und Moderatorin) überzeugt als magersüchtige Katja.

«My Skinny Sister» ist ein eindrücklicher, starker Film zum Thema Magersucht. Sanna Lenken moralisiert nicht, verzichtet auf Schuldzuweisungen und präsentiert keine einfachen Lösungen. Sie skizziert keine Rabeneltern, auch wenn sie viel arbeiten, und es ist nicht einfach ein Schönheitsideal, dem Katja nacheifert. Vielmehr wird deutlich, wie Eltern und Angehörige an ihre Grenzen stossen können und wie sehr Betroffene von Essstörungen auf Hilfe angewiesen sind. Die schwedische Regisseurin schildert das zwar in aller Härte, weil sie die Situation nicht verharmlosen will. Doch zugleich wirkt das nie schrill oder aufgesetzt.

Läuft im Kinok St. Gallen, im Luna Frauenfeld und demnächst in weiteren Kinos der Region