Auf der Bühne
Auf einer Brache um den Reinacher Bahnhof bringt das Theater die Fantasie zum Blühen

Zum 25-Jahr-Jubiläum der TaB-Theatergruppe zeigt das Theater am Bahnhof Reinach Anton Tschechows «Der Kirschgarten». Mit Respekt vor Autor und Text. Aber mit einem neuen Schluss.

Elisabeth Feller
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Auf der riesigen Freilichtbühne in Reinach wird Tschechow mit grossem Respekt vor dem Original inszeniert.

Auf der riesigen Freilichtbühne in Reinach wird Tschechow mit grossem Respekt vor dem Original inszeniert.

Britta Gut

«Das richtige Stück zur richtigen Zeit am richtigen Ort – das ist einmalig», sagt die Regisseurin Gunhild Hamer, die Anton Tschechows letztes Werk, «Der Kirschgarten», inszeniert. Nun wird man den darin erwähnten, berühmten Kirschgarten nicht unbedingt mit einer grossen, den Bahnhof Reinach umgebenden Brache in Verbindung bringen. Obwohl es sich um einen geschichtsträchtigen Ort handelt, befand sich hier doch die Drahtwerke-Firma Voco. Die Firma ist Vergangenheit, aber an ihrem Standort, wurde die Schwermetall enthaltende Erde ausgebaggert, worauf ein Biotop mit kleinen Seen entstand, die von Fischen und Enten belebt werden – eine ideale Kulisse für Tschechows Stück, in dem der Kirschgarten ein Symbol für Beständigkeit, Sicherheit und Sehnsucht ist. Man muss sich diesen von Tschechows Figuren lebhaft geschilderten, aber nie sichtbaren Kirschgarten auch in Reinach imaginieren, aber das dürfte bei einer Freilichtinszenierung nicht schwerfallen.

Der Emporkömmling kauft den Kirschgarten

Auf dem steinigen Boden ist eine lange Spielfläche mit Versatzstücken wie Stühlen und einem Tisch aufgebaut. Im Hintergrund befindet sich ein stattliches Gebäude mit geschlossenen Fensterläden: ein ehemaliges Fabrikgebäude, das die Zuschauer zu Gedankenspielen ermuntert. Könnte dieses zum Gutshof der bankrotten, deshalb den Kirschgarten verkaufenden Gutsbesitzerin Ljubov Andreevna Ranewskaja gehören?

Karg ist die Bühne möbiliert.

Karg ist die Bühne möbiliert.

Britta Gut

Wer von der 180 Zuschauern Platz bietenden Tribüne den Blick in die Ferne schweifen lässt und sich den Kirschgarten dazu denkt, kann Ranewskajas Gegenspieler, Ermolaj Alekseevic Lopachin, verstehen. Der Kaufmann ist ein Emporkömmling, sein Vater war einst Leibeigener auf dem Gut der Ranewskaja: Nun schlägt ausgerechnet Lopachin der mittellosen Gutsbesitzerin vor, den Kirschgarten abzuholzen und Sommerhäuser hinzustellen. Rendite garantiert. Am Ende wird Lopachin halb triumphierend, halb verlegen der Gutsfamilie mitteilen, dass er selbst den Kirschgarten gekauft hat – welch bittere Pointe.

Mit Respekt vor dem Autor und dem Text

Gunhild Hamer, die erstmals ein Stück von Tschechow und erstmals im Freien inszeniert, entdeckt Parallelen zur Gegenwart: «Tschechow schrieb sein Stück 1903 in einer Zeit der gesellschaftlichen und politischen Neuordnung. Er zeigt die bizarre Verrückung von Wünschen und Ängsten in einer Welt, die fast so unübersichtlich und lähmend war, wie die heutige. Während die einen am Alten festhalten, stürzen sich die anderen in die verheissungsvolle neue Welt. Tschechows Stück stellt die wesentliche Frage danach, was geschieht, wenn sicher Geglaubtes wegbricht und ökonomische Interessen über allem stehen.»

Bühne und Zuschauertribüne unter einem grossen Dach.

Bühne und Zuschauertribüne unter einem grossen Dach.

Britta Gut

Ist «Der Kirschgarten» deshalb von der TaB-Theatergruppe zum 25-Jahr-Jubiläum ausgewählt worden? Nein. Mit der Inszenierung erfüllen sich Gunhild Hamer und das Ensemble vielmehr einen langgehegten Wunsch. Ist Aktualisierung ein Thema? Nein. «Wir haben derart viel Respekt vor dem Autor, dass wir ihn nicht modernisieren; auch nicht durch Kostüme, die auf unsere Zeit verweisen könnten.» Anton Tschechow, so Gunhild Hamer sei für sie ein wunderbar zeitloser Dramatiker, in dessen Stücken einfach alles stimme.

Modernisiert wird nicht -nicht mal bei den Kostümen.

Modernisiert wird nicht -nicht mal bei den Kostümen.

Britta Gut

Hoffnung vermitteln

Pamela Dürr, die Übersetzerin des Stücks, hat für die Inszenierung allerdings einen Prolog für Lopachin und einen Epilog für den alten Diener Firs geschrieben. Lopachin sinniert über das, was auf dem Gelände des Kirschgartens entstehen könnte; Firs wendet sich ans Publikum mit der Aufforderung, «aktiv zu werden». Weshalb dieses Ende, das bei Tschechow ein ganz anderes ist, heisst es bei ihm doch: «Mitten in die Stille hinein die dumpfen Axthiebe, einsam und traurig. Aus der Tür kommt Firs. Er ist gekleidet wie immer, in Jackett und weisser Weste, an den Füssen Pantoffeln. Er ist krank. Firs geht zur Tür, rüttelt an der Klinke: ‹Abgeschlossen. Sie sind weg. Mich haben sie vergessen. – Ich leg mich ein Weilchen hin... Kein bisschen Kraft mehr, nichts mehr... Ach du... taube Nuss!›.» Gunhild Hamer weiss, wie schmerzlich diese Worte sind. «Gerade deswegen wollen wir den Zuschauern in unserer schwierigen Zeit etwas Hoffnung vermitteln.»

Hoffnung haben auch alle Beteiligten – auf ein gutes Gelingen. Die Vorfreude auf die Aufführungsserie ist gross, denn die letzten (Corona-)Monate «waren schwierig, aber zugleich schön, weil wir uns extrem auf den Text konzentrieren konnten», sagt Gunhild Hamer. «Als nach den vielen Wochen mit Videokonferenzen endlich die erste Leseprobe mit den zwölf Ensemblemitgliedern stattfand, wussten wir sogleich, weshalb wir Anton Tschechows ‹Der Kirschgarten› spielen.»

Der Kirschgarten nach Anton Tschechow. TaB Reinach, 28.August bis 26.September. www.tab.ch