Auf einen Kaffee mit... dem St.Galler Literaturwissenschafter Peter Faesi, der weiss, weshalb wir Krimis lieben

Der 72-Jährige mag Geheimnisvolles: Er hat auch ein Bergwerk entdeckt und ist 20 Jahre lang als Zauberer aufgetreten.

Rolf App
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Peter Faesi mag lieber Krimis als modern-mäandernde Romane.

Peter Faesi mag lieber Krimis als modern-mäandernde Romane.

(Bild: Hanspeter Schiess)

Peter Faesi weiss, was Krimis und Kochrezepte gemeinsam haben. Doch bevor er in seinem Vortrag «Mord nach Rezept – oder wie Krimis geschrieben werden», seine Erkenntnisse dazu verrät, liest er im Raum für Literatur in der Hauptpost Henry Slesars Kriminalgeschichte «Lauter schlechte Nachrichten» vor: Sie träumt von einem Pelzmantel, er von Angelferien. Was also anstellen mit dem Geld? Das alte, gerade wieder mal streitende Ehepaar kommt auf eine seltsam-geniale Idee: Bringen die Nachrichten nur Schlechtes, was er seit jeher behauptet, ist Angeln angesagt. Findet sich auch Positives, dann winkt der Pelzmantel. Doch Kriege, Katastrophen, Verbrechen ziehen in munterer Folge an den beiden vorbei, wie sie das Radio anschalten. Und, zum Schluss, noch eine Warnung: Da seien Lebensmittelbüchsen mit hochgiftigem Inhalt im Umlauf. Die Frau geht in die Küche, macht den Kühlschrank auf, sieht eine dieser Büchsen, und denkt sich: Doch noch eine gute Nachricht.

Peter Faesi geniesst das Überraschungsmoment des Endes, wie er überhaupt effektvoll sein Kochrezept für den Kriminalroman vorträgt. Er lässt mit Edgar Allan Poe, Arthur Conan Doyle und Agatha Christie seine Begründer lebendig werden und streift am Rande auch E.T.A. Hoffmann, über den er seine Dissertation geschrieben hat. Er kommt auf die Zutaten zu sprechen, erklärt, wer als Verdächtiger in Frage kommt und wer als Leiche, und zitiert beruhigend die israelische Schriftstellerin Batya Gur: «Detektivromane sind der einzige Ort auf der Welt, wo es noch Ordnung und Gerechtigkeit gibt.» Weshalb seine verstorbene Mutter, «die ehrlichste Person auf der Welt», denn auch ausschliesslich Krimis gelesen habe. Peter Faesi erzählt:

«Meine Mutter sagte immer: Am Schluss kommt’s gut.»

Das ist freilich nicht der einzige Grund, weshalb wir Krimis so lieben – und weshalb Peter Faesi sie weit mehr liebt als manch einen dieser modern-mäandernden Romane, die er im Unterricht hat behandeln müssen. Das Unbekannte und Geheimnisvolle, es zieht den lustvoll Erzählenden an, das kommt auch beim Kaffee zum Ausdruck, den wir nach dem Vortrag miteinander trinken. Jahrzehnte als Lehrer für Geschichte und Literatur an der Fachhochschule St.Gallen haben an der unterhaltsamen Begeisterungsfähigkeit des 72-Jährigen nicht zu rütteln vermocht. Er erzählt von Wanderungen mit Frau und Töchtern, deren Strapazen er mit Geschichten überbrückt hat.

Faesi beschreibt, wie er einmal im Lötschental seltsame Löcher in einer Felswand gesehen habe. Anderntags ist er mit Freunden hochgestiegen und hat ein altes Bleibergwerk vorgefunden, «sogar mit Bähnli – worauf wir angefangen haben, alten Bergwerken nachzuspüren». Aus einem Überraschungsfund im Tessin ist dann die «Stollentour» hervorgegangen: Faesi und seine Freunde haben bei Porto Ceresio am Luganersee ausgedehnte Anlagen aus dem Ersten Weltkrieg freigelegt, von denen auch der Bürgermeister nichts gewusst hatte.

Wohin nur mit der Leiche

Noch auf einem dritten Gebiet hat Peter Faesi sein Spiel mit dem Geheimnisvollen getrieben: Als Zauberer, der zwanzig Jahre lang Kunststücke vorgeführt und Menschen verblüfft hat. Mit Überraschungen wartet er ganz gerne auch in seinen literarischen Vorträgen auf. Etwa wenn er sein Referat über Kriminalromane mit gespieltem Entsetzen darüber schliesst, «wie ungeniert heute die Männer gemordet werden. Da ruft etwa eine junge Frau nach der Hochzeitsnacht ihre Mutter an, und sagt: ‹Gestern hatten wir unseren ersten grossen Krach.› Die Mutter: ‹Keine Sorge, das kommt halt vor.› Darauf die Tochter: ‹Ja, aber ich weiss nicht wohin mit der Leiche.›»