Kolumne

«Auf ein Wort»: Vor 80 Jahren sagte niemand Zahnfleisch, man sagte ...

Die Mundartkolumne von Niklaus Bigler diesmal zu einem Wort, das in den letzten Jahren komplett von seinem deutschen Bruder verdrängt wurde.

Niklaus Bigler
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Mundartexperte: Niklaus Bigler.

Mundartexperte: Niklaus Bigler.

Bild: CH Media

Als in den Jahren 1939 bis 1958 das Material für den Sprachatlas der deutschen Schweiz gesammelt wurde, kam im Fragebuch auch das Zahnfleisch vor. Nur an vier der insgesamt 573 Orte war die Antwort Zaafleisch, sonst hiess es vorwiegend Bilgere (Nordschweizerdeutsch), Billere (oder Biuuere, nördlicher Kanton Bern und Laufental) sowie Bildere (im Alpenraum).

Einst war der Typus Bilern (althochdeutsch pilarn) mit Varianten weit verbreitet, aber schon vor 150 Jahren beschränkte er sich auf die südlichen Mundarten Alemannisch und Bairisch. Im Emmental mussten sich früher die alten Leute beim Essen mit de lääre (zahnlosen) Biuuere behelfen. Heute findet man kaum mehr jemanden, der Bil(g)ere aktiv braucht.

Von einem, der beim Essen tüchtig zugriff, sagte man Er schloot braav z Bagge. Rooti Pfuus(i)bagge bezeugten Vitalität. Wer leer ausging, musste d Baggen ab luege, gewissermassen die Augen niederschlagen.

Einer, der sich freut, straalet über all vier Bagge. Uns kommt das Wort Bagge, Backe mundartlich vor, daher brauchen wir im Hochdeutschen Wange. Tatsächlich existieren beide Wörter seit Langem nebeneinander; man denke an den Backenbart und den Backenstreich, auch in Luthers Bibelübersetzung steht «der Backen».

Mundartlich dominiert Bagge im deutschen Südwesten, Wange im Norden und vor allem in Österreich. Aber so einfach ist es auch wieder nicht: Im Berner Oberland und im Wallis heisst die Wange ds Wang, und die Ableitung Wängerli (Kopfkissen, althochdeutsch wanger) kennt man im Luzernischen bis heute. Zudem kommt Wang, Wange oft in alten Orts- und Flurnamen vor.

Niklaus Bigler war Redaktor beim Schweizerdeutschen Wörterbuch (idiotikon.ch).

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