Auf der Spur des Thomaskantors

Das Schweizer Fernsehen porträtiert den St. Galler Musiker Rudolf Lutz in der «Sternstunde Religion» und ist ihm dazu von Leipzig nach Trogen und von Bach bis zum Jazz gefolgt. Morgen Sonntag wird der Film ausgestrahlt.

Peter Surber
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Rudolf Lutz und seine Musizierlust stehen im TV-Porträt im Zentrum. (Bild: SF DRS)

Rudolf Lutz und seine Musizierlust stehen im TV-Porträt im Zentrum. (Bild: SF DRS)

Vor einer Aufführung der Matthäus-Passion sei er weniger aufgeregt als jetzt vor der Premiere «seines» Films, sagte Rudolf Lutz vor den vollbesetzten Reihen im Kinok, kürzlich bei der Vorpremiere des Porträtfilms, der morgen auf SF 1 erstmals ausgestrahlt wird. Grund zur Aufregung gab es dann allerdings kaum: Der Film von Judith Hardegger und Christian Walther ist eine sorgfältige, ruhige Annäherung an den Musiker Lutz und seine Bach-Passion.

Leipzig, Hirschberg, Trogen

Dazu gehören natürlich Szenen aus der Kirche Trogen, wo Lutz im Auftrag der Bach-Stiftung das gesamte Kantatenwerk Bachs zur Aufführung bringt. Die Filmemacher waren bei den Proben und der Aufführung von BWV 55, «Ich armer Mensch ich Sündenknecht» dabei – für Lutz Gelegenheit, seine Skepsis gegenüber dem «strafenden» Gott vorzubringen, der in so vielen Bachkantaten sein Angstregime führt. Aus der Probenarbeit spricht dann aber die pure Musizierlust.

Und diese packt Lutz immer wieder im halbstündigen Film. So auf der Orgelbank der Thomaskirche in Leipzig, wo mehr als 250 Jahre zuvor Bach höchstselbst die Tasten und Pedale traktiert hatte. «Ich reihe mich ein», sagt Lutz, gibt eine Kostprobe aus der berühmten d-Moll-Toccata und legt mit einer Improvisation nach.

An Bachs Kompositionen fasziniere ihn, wie sie phantastisch gebaut und zugleich so sinnlich seien, sagt Lutz. Auch den Menschen Bach stellt er sich als sinnenfreudig vor, erinnert an die opulenten «Orgelmenüs» jener Zeit und könnte sich Johann Sebastian auch als Wanderer über die Appenzeller Hügel vorstellen.

Dorthin, auf den Hohen Hirschberg, in seine Herkunftsheimat, begleitet die Kamera Rudolf Lutz später, untermalt mit berückenden Landschaftsbildern. In der Gaststube erfährt man, dass seine Musiziergabe von der englischen Grossmutter und der Mutter geweckt und gefördert worden waren. Dass er schon in jungen Jahren sein Herz an die Musik und an die St. Galler Linsebühlkirche verlor und zum Vater gesagt habe: «I want to be organist in this ugly church.» Oder dass es nicht immer Bach sein muss: Beim «Chly Fuchsli» kauft er früh ein Hackbrett, als Improvisationsleher an der Schola Basiliensis jazzt er auf dem Cembalo, und in der Hirschberg-Gaststube extemporiert Lutz einen Schlager – «Frauen sind keine Engel» –, über den der Thomaskantor selig vermutlich seine Brauen gerunzelt hätte, wäre er tatsächlich mit dabei gewesen.

Gegen die Obdachlosigkeit

Die Anregung zum Filmporträt kam aus der Redaktion der «Sternstunde Religion». Die Filmbilder zeigen für jene, die Lutz kennen, wenig bisher unbekannte Facetten. Aber sie lassen viel Raum für Klang und Wort und blenden auch den tieferen Gehalt der geistlichen Musik nicht aus. Diese sei für ihn eine Möglichkeit, «das Unaussprechliche des Lebens auszudrücken», sagt Rudolf Lutz. Dass Bach heute wieder so gefragt sei, liege wohl an der «transzendenten Obdachlosigkeit» vieler Menschen. Diese treibe manche in die Arme lärmiger Demagogen – andere aber hin zu einer so demütigen wie starken Figur wie Bach.

«Mit Bach von Leipzig nach Trogen», Sendetermine: SF 1 So, 18., 10.30; 3 Sat Mo, 26., 12.30 Uhr