Auf dem Weg zur «coolen Stadt»

Was passiert in St. Gallen nach Mitternacht? «A Little Mountain Village» zeichnet ein hochaktuelles und vielstimmiges Bild des Nachtlebens. Der Dokfilm lässt Kulturmacher reden, wird zwischendurch brisant, und am Schluss winken Visionen.

Roger Berhalter
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«Phantasielosigkeit sondergleichen»: Die Kulturbeauftragte Madeleine Herzog, der FHS-Dozent Dani Fels und der Palace-Betreiber Kaspar Surber. (Bild: Michel Canonica)

«Phantasielosigkeit sondergleichen»: Die Kulturbeauftragte Madeleine Herzog, der FHS-Dozent Dani Fels und der Palace-Betreiber Kaspar Surber. (Bild: Michel Canonica)

Als der Abspann über die Leinwand zieht, möchte man gleich ein Haus besetzen, eine Bar eröffnen oder eine Bühne bauen. Kein Zweifel: «A Little Mountain Village» inspiriert. Und der Dokumentarfilm animiert dazu, Kultur zu machen, statt sie nur zu konsumieren. Dabei haben die zwei Regisseure Matthias Fässler und Angelo Zehr nichts Bahnbrechendes gemacht: Vier Monate lang haben sie St. Galler Kulturmacher vor der Kamera reden lassen und Nachtschwärmer auf der Tanzfläche gefilmt. Das Ergebnis, das sie am Donnerstag in der Grabenhalle zum ersten Mal zeigten, ist kein filmisches Meisterwerk. Doch die kulturpolitische Momentaufnahme gibt jenen eine Stimme, die (allzu) oft im Schatten der etablierten Kultur verschwinden.

Ökonomisierung schreitet voran

Die alternative Kulturszene ist zahlreich erschienen, das Interesse ist offensichtlich gross. Vor dem Film diskutieren Kaspar Surber vom Palace-Team, Dani Fels von der Fachhochschule und die städtische Kulturbeauftragte Madeleine Herzog über kulturelle Freiräume in der Stadt. Das abstrakte Thema wird sehr konkret: «Ein Autobahnzubringer mitten in der Stadt, das ist so was von Siebzigerjahre», sagt Fels in Anspielung auf die Pläne auf dem Güterbahnhof. Als «Phantasielosigkeit sondergleichen» bezeichnet Herzog den SBB-Parkplatz zwischen Fachhochschule und Lokremise. Surber lenkt den Blick weg von der Innenstadt in die Quartiere: «Warum nicht ein Quartierzentrum in Lachen, ähnlich wie die <Bäckeranlage> in Zürich?»

Provisorischer Befund nach der Diskussion: St. Gallen ist in den vergangenen Jahren grösser geworden, es hat mehr Platz für mehr Kultur. Doch gleichzeitig schreitet die Ökonomisierung der Stadt voran. «Der Rechtfertigungsdruck bei Kulturprojekten ist gross. Sofort stellt man die Frage nach dem Nutzen», sagt Madeleine Herzog.

Lichtscheue vor der Linse

«A Little Mountain Village» – in dem alle drei Podiumsteilnehmer ebenfalls zu Wort kommen – führt die Diskussion nahtlos weiter. Der Film zeichnet ein hochaktuelles, vielstimmiges Bild von dem, was nach Mitternacht in der Stadt passiert. Einerseits reden bekannte Figuren wie Kugl-Chef Dani Weder und Stadtpräsident Thomas Scheitlin. Anderseits haben die Filmemacher auch lichtscheue Gestalten wie das Rümpeltum-Kollektiv oder Vertreter von «Aktiv unzufrieden» vor die Kamera geholt. Da wird gesagt, was Sache ist. «Ich organisiere keine Clubnächte im Kugl mehr», sagt DJ und Veranstalter Mitsutek. «Ich kann einem internationalen DJ nicht sagen: Um drei Uhr ist fertig. Das ist peinlich.» Damian Hohl vom Palace lacht über den Begriff «Sicherheitskonzept»: «Wir hatten nie eins. Es geht auch ohne Uniformen und Springerstiefel.» Stadtrat Nino Cozzio stellt klar: «Freiräume sollen nicht einfach gesetzlose Räume sein.» Überhaupt machen die Behörden im Film keine schlechte Figur. Einzig Regierungsrat Martin Klöti erntet Gelächter, als er – nach Freiräumen befragt – vom Roten Platz und vom Klosterhof erzählt.

Brisant wird der Dokfilm, als Kugl-Anwalt Marc Weber den Präzedenzfall-Charakter des Rechtsstreits um den Club betont: Mit den gleichen juristischen Argumentationen, mit denen das Kugl beschnitten worden sei, könnte man auch gegen alle anderen Clubs in der Innenstadt vorgehen. Diese Erkenntnis ist zwar nicht neu, so laut war sie aber bisher noch nicht zu hören.

«Bumm-bumm-tätsch-Musig»

Bleibt die alte Frage: Was für eine Stadt soll St. Gallen sein? Die «sicherste und sauberste», wie es im Abstimmungskampf um das Polizeireglement hiess? Eine Stadt voller «Bumm-bumm- tätsch-Musig», wie das Rümpeltum-Kollektiv schnödet? Eine «coole Stadt», wie Stadtpräsident Scheitlin schwärmt? Ein paar Visionen winken an diesem Abend am Horizont, zum Beispiel jene von Kaspar Surber: «Es wird langsam Zeit, die erste Tiefgarage zu besetzen.»

Weitere Filmvorführung von «A Little Mountain Village»: 8.7., Palace, 20 Uhr

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