Auf dem Simulator in die Tragödie

Mit wahlweise schwarzer Perücke, braungelb-geringeltem Pullunder und überhaupt ganzem Körpereinsatz behauptet Jürg Kienberger in der Kellerbühne «Ich Biene – ergo summ».

Valeria Heintges
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Ja, er ist es wirklich: Jürg Kienberger als Rocker Jay Kay Wäschpi. (Bild: Bernhard Fuchs)

Ja, er ist es wirklich: Jürg Kienberger als Rocker Jay Kay Wäschpi. (Bild: Bernhard Fuchs)

ST. GALLEN. Ist er das wirklich, dieser Typ da in schwarzer Lederhose und Lederweste und langen, schwarzen Haaren um den Schädel? Er stellt sich am Mittwochabend vor als Jay Kay Wäschpi, der von Jürg Kienberger bestellt worden sei, um das Publikum in der St. Galler Kellerbühne «soft izrocke». Zwar ist es nicht ganz Rock, was der Möchtegernrocker da spielt, dafür ist es doch zu soft, aber die Wandelbarkeit des Bündner Musikers zeigt die «Vorband» allzumal.

Summender Schüler

Dann aber steht er wirklich da, mit grauen Krusellocken: Ganz eindeutig Jürg Kienberger, der behauptet: «Ich Biene – ergo summ.» Und summen tut er ordentlich, das hat er schon als Schüler getan und den Lehrer damit in den Wahnsinn getrieben. Denn wer glaubt schon, dass so ein Bengel summen, aufstrecken und reden gleichzeitig kann?

Jörg Kienberger kann vieles und auch vieles gleichzeitig. Zum Beispiel an einem Abend allerlei Wissenswertes über das Leben, Überleben und Sterben der Bienen erzählen, dazu Videos vom Bienenbau in der Garage zeigen und – natürlich, es ist ein Kienberger-Abend – das Ganze grossartig mit Musik auf allerlei Instrumenten begleiten.

Seit einigen Jahren schon nisten Bienen zwischen den Eternitplatten der Garage. Doch dieses Jahr lassen sie auf sich warten. Trist schaut Kienberger und mit ihm das Publikum auf das (Video-)Loch, an dem sich einfach gar nichts tut. Doch halt! Was schwirrt da? «Bien venues» wünscht der erfreute Hobbyimker – und erzählt fortan, wie sich die Bienen ernähren und vermehren, wie viele Berufe sie ausüben (24, darunter Putzfrau, Flugbegleiterin, Heizer- oder Ventilatorbiene), was die Drohnen so treiben (meist nicht viel) und wie ein Hochzeitsflug mit der Königin abläuft. Und natürlich: Was ist ein Schwänzeltanz? Der Münchner Karl von Frisch (1886–1982) bekam für seine Entdeckung der Theorie und der Praxis des Schwänzeltanzes den Nobelpreis. Er wird sozusagen live zugeschaltet mit seinem behäbig-professoralen Vortrag aus dem Radio. Kienberger lässt es sich nicht nehmen, extra einen schicken braungelb-geringelten Pullunder anzuziehen und den Tanz live vorzuführen, linksherum und rechtsherum.

Üben auf dem Flugsimulator

Während die Arbeitsbienen sehr beschäftigt sind, warten die Drohnen auf den grossen Moment. Sie üben, so erfährt man, den Hochzeitsflug auf dem Hochzeitsflugsimulator, ehe sie mit Queen (!) und ihrem «Don't stop me now» und später – schon ermattet – mit R. Kellys «I believe I can fly» auf die Reise gehen. Schliesslich nimmt es Kienberger mit den Bee Gees und deren absurd hohen Stimmen auf und leitet die «Tragedy» ein. Denn ob erfolgreich oder nicht: Die Drohnen sterben nach der Hochzeit. Alle. «Zurück bleibt ein reiner Frauenstaat», sagt Kienberger und schaut drein, als sei er persönlich ausgeschlossen worden.

Die Tragödie dauert an. Die Bienenvölker sterben. Mit «A bien tôt» wird das Publikum verabschiedet. Was für ein gruselig-doppeldeutiger Satz.