Audienz beim dunklen Meister

Am Sonntag gab Gary Numan in der Grabenhalle sein einziges Schweizer Konzert. Zwar sang der Brite auch seine Hits von früher, doch geriet das Konzert zum Glück nicht zur Nostalgieveranstaltung.

Roger Berhalter
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Kaum Staub angesetzt: Gary Numan beim Auftritt in St. Gallen. (Bild: pd/Michael Dornbierer)

Kaum Staub angesetzt: Gary Numan beim Auftritt in St. Gallen. (Bild: pd/Michael Dornbierer)

Das Durchschnittsalter ist (für die Grabenhalle) hoch, ebenso der Männeranteil, und neben vielen schwarzen Kleidern und farbigen Haaren sind auch einige modische Überbleibsel der 80er auszumachen. Zunächst scheint also alles klar an diesem Sonntag: Die Grabenhalle feiert ihr 30-Jahre-Jubiläum mit viel Nostalgie. Gary Numan, der britische Elektropop-Pionier, der erste Synthesizer-Superstar der Musikgeschichte, tritt auf – und gut 350 Fans sind gekommen, um seine Hits von früher zu hören.

Präzis, wuchtig, theatralisch

Doch die Nostalgie verflüchtigt sich schnell. Denn hier steht keiner auf der Bühne, der nur von früher zehrt, und erstaunlicherweise haben Gary Numans Songs kaum Staub angesetzt. «Cars» oder «Are <Friends> Electric?», beide im Jahr 1979 veröffentlicht, funktionieren nach wie vor bestens. Und überhaupt blickt Numan an diesem Abend lieber nach vorne. Lässt die 80er-Jahre komplett aus, spielt dafür viel Neues von seinem mittlerweile 21. Studioalbum «Splinter (Songs from a Broken Mind)».

Was der 55-Jährige auf der Bühne zeigt, erinnert nur noch wenig an seine kühl-androgynen Auftritte aus den 70ern. Flankiert von Bass und Gitarre, Schlagzeug und Keyboard im Rücken, baut Numan wuchtige Klangwände auf und lässt sie immer wieder abrupt einstürzen. Hier wird nicht geschludert, sondern klinisch präzis fräsen die Gitarren, die Bässe sind mit bösem Knarzen unterlegt, und digitale Sounds garnieren und erweitern das Geschehen.

Noch immer liebt Numan offensichtlich das Theatralische, die grossen Gesten. Ein grosser Sänger war er zwar noch nie, doch irgendwie bricht sich seine nasale, klagende Stimme noch im grössten Klanggewitter Bahn. Dazu reckt er unter dem Mikrophon den Hals wie ein Wolf bei Vollmond.

Pompös, orchestral, balladesk

Kein Schäkern mit dem Publikum, keine Floskeln, nur ein schüchternes «Thank you for coming» kommt dem dunklen Meister zwischen den Songs über die Lippen. Wobei es ein Dazwischen gar nicht gibt. Fast nahtlos knüpfen er und seine vier Mitmusiker einen eineinhalbstündigen Industrial-Klangteppich und treiben das Set Song um Song voran. Orchestrale Streicher sind omnipräsent (wie in «Here In The Black», das stark an Nine Inch Nails erinnert), manchmal wird's pompös («Who Are You»), manchmal auch balladesk (wie in «Lost» und «My Last Day»).

Als die letzte Klangmauer eingestürzt ist, denkt niemand mehr an früher. Alles ist im Jetzt, und nur Numans Frisur – eine toupierte, pechschwarze Mähne – scheint noch von damals.

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