Auch Steine haben Klangfarben

Schlagzeuger sind treue Seelen: 35 Jahre hat Ernst Brunner im Sinfonieorchester St. Gallen sein perkussives Können beigesteuert. Besonders hat ihn das Theater begeistert. Als freier Musiker will er nun auch wieder mehr dem Jazz frönen.

Martin Preisser
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Ernst Brunner hat über drei Jahrzehnte beim Sinfonieorchester St. Gallen Schlagzeugakzente gesetzt. (Bild: Benjamin Manser)

Ernst Brunner hat über drei Jahrzehnte beim Sinfonieorchester St. Gallen Schlagzeugakzente gesetzt. (Bild: Benjamin Manser)

ST. GALLEN. Der Schlagzeuger Ernst Brunner ist ein Viertausender-Sammler. In den Schweizer Bergen fehlen ihm nur noch das Täschhorn im Wallis und das recht anspruchsvolle Schreckhorn in den Berner Alpen. Der passionierte Alpinist freut sich, dass er einen zuverlässigen Seilpartner hat, der ebenfalls Schlagzeuger ist. Für die fehlenden Viertausender hat Ernst Brunner jetzt (etwas) mehr Zeit.

Fels und Klang

Nach 35 Jahren Dienst im Sinfonieorchester St. Gallen hat sich der 62-Jährige pensionieren lassen. Alpinismus und Orchestermusik: Die Parallele zieht Ernst Brunner mit dem Begriff «Schlüsselstelle». Am Fels wie in den Partituren gebe es die entscheidenden und sicher zu meisternden schweren Stellen. Für den in Urnäsch lebenden Musiker gibt es allerdings seit langem auch eine ganz konkrete Verbindung zwischen Fels und Klang, zwischen Stein und Musik.

Beim Klettern hat Brunner gemerkt, dass Steine ganz unterschiedlich klingen. «Steine haben vielfältige Klangfarben.» Auf der 1999 entstandenen CD «Tethys» fliessen solche direkt am Berg aufgenommenen Steinklänge vom Säntis ein. Ernst Brunner hat immer wieder auch auf Steinen von Arthur Schneiter gespielt. Der Thurgauer Bildhauer ist für seine Skulpturen bekannt, die als spezielle Steininstrumente in der zeitgenössischen Musik Eingang fanden.

Nicht jeder Dirigent kann alles

Eigentlich möchte Ernst Brunner gar keine Höhepunkte seiner langen Arbeit beim Sinfonieorchester hervorheben. «Es war einfach eine phantastische Zeit.» Sein Herz habe immer besonders für das Musiktheater geschlagen. Ende Oktober hatte er seinen letzten Einsatz in der St. Galler «Eugen Onegin»-Produktion. «Wenn ich jetzt etwas vermisse, dann vielleicht am ehesten das Theater.» Der Schlagzeuger hat unter vielen Dirigenten gespielt. «Jeder Dirigent hat Gutes gebracht», sagt Brunner. «Aber nicht jeder Dirigent macht alles gleich gut.»

John Neschling habe damals bei seinem Start viel Begeisterung ausgelöst, erinnert sich der Musiker. Und bei Jiri Kout bewundert er dessen starke Aussagekraft und Fähigkeit, die Stücke jeweils zu zelebrieren. Lob gibt es von Ernst Brunner für den amtierenden Chefdirigenten Otto Tausk: «Er ist einer von uns, er ist nicht abgehoben. Tausk versteht es, professionell zu arbeiten und dabei anständig zu bleiben. Der Ton macht bei ihm im wahrsten Sinne die Musik.»

«Das Verhältnis Dirigent – Orchester ist wie eine Beziehung und oft heikel. Da kann es Ermüdungserscheinungen geben», weiss der Schlagzeuger. «An diesen muss man arbeiten, auch durch Offenheit. Dirigenten müssen lernbereit sein.» Profi-Orchestermusiker hätten oft ein riesiges Know-how. Und sie wollten sich nicht langweilen. «Ein guter Dirigent muss mit seiner Kreativität und seinem Verständnis für ein Werk Interesse wecken, packende Inputs geben. Wenn ein Dirigent wirklich etwas Spannendes zu sagen hat, dann wird es im Orchester ganz still. Plötzlich schaut keiner mehr aufs Handy oder raschelt mit der Zeitung», plaudert Ernst Brunner aus der Schule des Orchesteralltags.

Entscheidende Akzente

Der Schlagzeuger, der im Moment als Zuzüger an der Zürcher Oper in Wolfgang Rihms Oper «Hamletmaschine» gefordert ist, wurde in der Blasmusik musikalisch sozialisiert. Und auch ganz nichtklassische Grössen wie die Beatles, Deep Purple oder die Rolling Stones haben ihn geprägt, bevor er eher spät am Zürcher Konservatorium Schlagzeug studierte. «Schlagzeug im Orchester hat viel mit Klangfarbe zu tun und mit der Fähigkeit, im richtigen Moment die entscheidenden Akzente zu setzen.»

Schreibtischtäter

Ernst Brunner hat immer auch eigene Musik gemacht, zum Beispiel in seinem Ensemble Blankton. «Wenn ich selbst fürs Schlagzeug schreibe, weiss ich, wie es geht.» Das hat Brunner manchmal bei zeitgenössischer Musik vermisst, die er auch intensiv gepflegt hat. «Als Musiker will ich wissen, warum etwas so und nicht anders geschrieben ist. Manchmal wissen die Komponisten selbst nicht genau, warum sie es so und nicht anders geschrieben haben. Da gibt es in der zeitgenössischen Szene schon manchmal die Schreibtischtäter.» Drei Jahre vor der offiziellen Pensionierung arbeitet Ernst Brunner jetzt wieder freischaffend. Die Arbeit wird ihm nicht ausgehen. In Zukunft will er auch wieder vermehrt Jazz spielen. «Ich liebe den Platz hinter dem Drum Set.»

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