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Auch der Westen hat den Blues

Rev. Osagyefo Sekou ist ein afroamerikanischer Musiker, Prediger und Aktivist. Er tritt morgen am Lucerne Blues Festival auf. Rev. Sekou kämpft für eine bessere Welt und hat eine klare politische Haltung.
Interview: Pirmin Bossart
Gibt sein Schweizer Debüt am Lucerne Blues Festival: Rev. Osagyefo Sekou (Mitte). (Bild: PD)

Gibt sein Schweizer Debüt am Lucerne Blues Festival: Rev. Osagyefo Sekou (Mitte). (Bild: PD)

Rev. Osagyefo Sekou, Sie spielen zum ersten Mal in der Schweiz. Was können wir von Ihrem Auftritt erwarten?

Wir spielen Musik quer durch meine bisherigen Veröffentlichungen: Von meinem ersten Album «The Revolution Has Come» bis zum neusten Live-Album, das im März 2019 erscheinen wird. Ich pflege meine Musik als «geheiligter Blues» zu bezeichnen. Es ist eine klangliche Landschaft, die vom Delta Blues, von der ländlichen Pfingstbewegung, vom Memphis Soul und von Protesthymnen geformt ist.

Wie nehmen Sie die politischen und globalen Verhältnisse der heutigen Zeit wahr?

Nachdem der Faschismus im Westen wieder seine hässliche Fratze zeigt, sind wir gefangen zwischen zwei kriegerischen Geistern: Dem Zeitgeist der Angst und dem Zeitgeist der Freiheit. Wir möchten jenen Menschen einen Raum geben, die gute Musik hören und eine bessere Welt schaffen wollen. Wir eröffnen jedes Konzert mit der Frage: Do you want to get free? Wir sind ein Blues Juke Joint, ein Pfingstgemeinde Camp, eine Protest-Veranstaltung. Und wir hoffen, dass sich die Leute nach dem Konzert freier fühlen.

Sie nennen sich selber «Musiker/Schriftsteller/Theologe». Was ist für Sie die gemeinsame Verbindung zwischen diesen Berufen?

Für mich sind das nicht Berufe, sondern Berufungen. Musik, Theologie und Schreiben sind meine Medien, um mich als Künstler auszudrücken. Auch als Musiker mache ich theologische Arbeit. In meinen Songs beschäftigte ich mich mit letzten Sinnfragen. Was heisst es, zu lieben? Was heisst es, mit Würde zu leben in unwürdigen Umständen? Was genau ist diese Beziehung zum Göttlichen? Wie können wir das menschliche Leid aus der Welt schaffen? Wo sind die Orte der Hoffnung und des Widerstandes? Wir leben in einer monströsen Zeit. Aber wir sollten nicht vergessen, dass Monster nichts Neues sind und dass sie nicht das letzte Wort haben werden.

Sie haben zwei Musikalben veröffentlicht: Warum haben Sie den Blues als musikalischen Ausdruck gewählt? Was ist Ihre Verbindung zum Blues?

Schwarz zu sein in den USA, wenn nicht im Westen überhaupt, heisst, den Blues zu haben. Ich wuchs in einer ländlichen Region im Arkansas Delta auf. Hier entstand die grösste musikalische Tradition des Westens, der Blues. Mein Grossvater spielte Klavier für B. B. King, Albert King und Louis Jordan. Ein anderer Grossvater predigte in Kirchen, in der auch Sister Rosette Tharpe auftrat, die Patin des Rock ’n’ Roll. Mein Onkel führte ein Gambling House, wo ich oft herumhing. In diesen Spannungsfeldern erlebte ich die Mischung von Weltlichem und Religiösem, von Profanem und Prophetischem. Meine Musik oszilliert zwischen der späten Samstagnacht im Juke Joint und dem Sonntagmorgen in der Kirche. Auf diese Weise ist der Blues in und um mich.

Wie verstehen Sie den Blues im Jahr 2018?

Blues ist die existenzielle Suche nach Bedeutung im Angesicht der Bedeutungslosigkeit. Blues-Künstler übersetzen das Leiden von marginalisierten Bevölkerungen. Das macht den Blues so universal. Eine Spannung zwischen Angst und Freiheit: Das ist die Blues-Situation. Die Krisen der globalen Ökonomie, Aufstände, Gewalt, erzwungene Migration und Terrorismus kombiniert mit wachsendem Fremdenhass, technologischen Entwicklungen und individuellem Fortschritt haben die Ängste im Westen geschürt. Die Welt ist gleichzeitig verbundener und doch getrennter denn je. Ich meine: Der Westen hat den Blues.

Werden Sie durch das allmächtige Verhalten von US-Präsident Donald Trump und seinen Millionen Anhängern nicht paralysiert? Wie lassen sich der Einfluss von Geld, Macht und Autokratie brechen, die heute nicht nur die USA regieren?

Es gab in der Geschichte der USA nie einen Zeitraum, in der meine Leute nicht unter Tyrannei und Terror gelebt haben. Unter einem schwarzen Präsidenten steckten eine Million Schwarze in Gefängnissen. In den letzten drei Jahrzehnten wurde an jedem zweiten Tag eine schwarze Person von Polizisten oder Schutzleuten ermordet. Ebenso steht der Westen unter der Bedrohung durch den Faschismus. In den letzten zehn Jahren haben Oligarchen in einigen der grössten Volkswirtschaften der Welt die Macht übernommen. Trump ist also ein Symptom der Krise in der Moderne und nicht die Ursache. Als Künstler müssen wir nicht nur eine Alternative anbieten, sondern die Leere dieser Stunde nutzen und Nein sagen zu dem, was ist. Monster lassen uns glauben, dass Widerstand sinnlos ist. Aber das Imperium ist weder allgegenwärtig, noch allwissend oder allmächtig. Diese Lüge müssen wir aufdecken. Das ist, was Künstler am besten können. Wir als Künstler rebellieren mit der Integrität unserer Vision und der Disziplin unseres Handwerks.

Vor 50 Jahren wurde Martin Luther King ermordet. Hat sich in Ihren Augen die Situation für die afroamerikanische Gemeinschaft seitdem verbessert?

Die schwarze Freiheitsbewegung hat zu wichtigen Veränderungen geführt, nicht nur für die Schwarzen in den Vereinigten Staaten, sondern auf der ganzen Welt. Dr. King war darin eine Stimme von vielen. Schwarze Menschen in den Vereinigten Staaten haben unterdrückte Menschen weltweit dazu inspiriert, für ihre Selbstbestimmung und uneingeschränkte Würde zu kämpfen. Auch wenn sich unsere materiellen Bedingungen nicht so sehr verbessert haben, wie wir wollen, haben wir die Welt verändert.

Wir leben in einer profan gewordenen und konsumorientierten Welt. Es sieht so aus, als ob religiöse und spirituelle Überzeugungen keine Anziehungskraft mehr haben und keine Rolle mehr spielen. Sehen Sie das anders?

Ich stimme dieser Formulierung nicht zu. Junge Menschen werden oft als nicht religiös beschrieben, weil man davon ausgeht, dass organisierte Kirchen die einzigen Orte für religiöse Aktivitäten sind. Das ist ein Fehler. Wenn Sie die Musik, die Poesie und die Kunst verfolgen, werden Sie feststellen, dass die kulturelle Produktion der Jugend gesättigt ist mit einem existenziellem Ringen, mit spirituellen Fragen und religiösen Sensibilitäten. Es sieht halt nicht so aus oder klingt anders, als man es sich gewohnt ist. Hip Hop und Poesie sind zwei der spirituellsten, wenn nicht sogar religiösesten Räume in der westlichen Welt. Wir – die Ältesten – müssen nur die Augen zum Hören und die Ohren zum Sehen haben.

Was sind Ihre Hoffnungen für die nahe Zukunft? Wie können wir für eine bessere Welt arbeiten, in der wir leben?

Macht Kunst!

Hinweis: Rev. Osagyefo Sekou tritt morgen Donnerstag im Rahmen des Lucerne Blues Festivals im Grand Casino auf (23.30 Uhr). Eröffnet wird der Abend um 19 Uhr mit dem Duo Curtis Salgado & Alan Hager. Danach folgen die Konzerte von Annie Mack (20.15 Uhr) und The James Hunter Six (21.45 Uhr). Mehr Infos: www.bluesfestival.ch.

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