Atemnot und Zuneigung: Grossvaters Geschichte

Als ihr Grossvater in die psychiatrische Klinik eingeliefert wird, ist Verena Stefan knapp drei Jahre alt. Er stirbt, als sie fünf ist. Im Staatsarchiv Bern liegt eine 800 Seiten dicke Akte.

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Verena Stefan (Bild: PD)

Verena Stefan (Bild: PD)

Als ihr Grossvater in die psychiatrische Klinik eingeliefert wird, ist Verena Stefan knapp drei Jahre alt. Er stirbt, als sie fünf ist. Im Staatsarchiv Bern liegt eine 800 Seiten dicke Akte. Sie handelt von dem, was Verena Stefan jetzt in «Die Befragung der Zeit» noch einmal erzählt – mit der Freiheit der Schriftstellerin, die sie geworden ist. Am 2. April wird sie daraus in St. Gallen lesen. 1975 hat die mittlerweile 66jährige Verena Stefan mit «Häutungen» eine Art feministisches Manifest veröffentlicht. Jetzt hält sie Rückschau, familiäre Rückschau. Es ist allerdings eine Familiengeschichte, die zugleich Gesellschaftsgeschichte ist.

Wut – auf beiden Seiten

Denkt sie an ihren Grossvater, so erinnert Verena Stefan sich an seine Atemnot und seine Zuneigung. Genau so ergeht es in «Die Befragung der Zeit» der vierjährigen Rosa, die mit dem Grossvater zwischen den Apfelbäumen auf der Wiese steht. «Mein Herz ist viel zu gross geworden», sagt der Grossvater. Er weiss wohl, was das bedeutet. Denn Grossvater ist – oder vielmehr: er war – Arzt. Genauer: Dorfarzt in Obfelden, Kanton Bern. Oft ist er mit der Enkelin zusammen, die ganz stolz ist, für den alten Mann zuständig zu sein. Manchmal streitet er mit Lina, seiner Frau. Er neigt zu heftigen Wutausbrüchen, sie schreit. Es ist viel Groll zwischen ihnen. Dinge, die sie in sich hineingefressen haben und die sie nun trennen.

Ein Gerücht macht die Runde

Am 13. Juli 1949 nimmt Beatrice Tanner die Dose mit ihren Ersparnissen aus dem Schrank. Sie hat gehört, der alte Doktor Brunner mache «so etwas». Beatrice Tanner ist schwanger von einem jungen Nichtsnutz, der nicht daran denkt, wie versprochen ihretwegen seiner Verlobten den Laufpass zu geben.

Also muss die junge Serviertochter sich selber helfen. «Ich bin so göttlich froh!», sagt sie, als sie zurück ist. Bald allerdings machen Gerüchte die Runde, die Mutter des Nichtsnutzes trägt sie zur Polizei. «Das Luder hat also abgetrieben, darauf steht Gefängnis, und damit wären wir sie los.» Doch ins Fadenkreuz der Ermittlungen gerät Julius Brunner, der Arzt. Eine Hausdurchsuchung zeigt: Beatrice Tanner war nicht die einzige. Er ist auch schon zwei Mal verurteilt worden wegen Abtreibungen. Jetzt wird die Sache gründlich untersucht.

Der Mann ist alt und ein wenig seltsam, Rosa kann es bestätigen. Er schwimmt zwischen Realität und Erinnerung, phantasiert gern von seinen Ausflügen mit dem Ballonpionier Spelterini.

Die Familie wird besichtigt

Ist dieser alte Landarzt überhaupt zurechnungsfähig? Ein Psychiater der Heil- und Pflegeanstalt Waldau soll dies klären, dort wird Grossvater nun untergebracht. Er muss Assoziationstests bestehen – und ärgert sich. Manchmal bekommt Grossvater auch Besuch von seiner Familie.

In Vor- und Rückblenden wird uns nun die Familie präsentiert. Alice, die eine Tochter, Karl, ihr deutscher Mann, ihre beiden Kinder Frieder und Rosa. Auch Flora taucht in der Erinnerung auf, die andere Tochter, die von ihrem Vater so oft geschlagen worden ist.

Die versteckte Riesin Zeit

Auszüge aus Dokumenten, Befragungen, Briefen unterbrechen den Fluss der Geschehnisse. So entsteht in stimmigen Schilderungen ein vielschichtiges Erzählgebilde. Gemächlich, im Tempo des wachen Kindes, vollzieht sich die «Befragung der Zeit». Die Zeit, sagt der Grossvater, das ist eine Riesin, die sich vor uns versteckt. Niemand hat sie jemals gesehen. Aber sie bestimmt, wie die Leute denken, und auch, wie sie ihren Körper empfinden. Und am Ende unseres Lebens steht das Ende der Zeit – unserer Zeit.

Das Verfahren gegen Julius Brunner neigt sich seinem Ende zu, er wird verurteilt, kommt aber frei. Seine Frau spürt, dass ihr nur noch wenig Zeit bleibt. Ohne zu stocken, erzählt sie der Tochter ihre Geschichte. Es ist, «als läse sie im Unsichtbaren einen Text ab, gleichzeitig sei sie Satz für Satz weniger geworden, als ob mit jedem Wort ein wenig Leben aus ihr entwichen sei».

Verena Stefan liest am 2. April um 19.30 Uhr im Raum für Literatur in der Hauptpost St. Gallen.

Verena Stefan: Die Befragung der Zeit, Nagel & Kimche 2014, 223 S., Fr. 29.90

Verena Stefan: Die Befragung der Zeit, Nagel & Kimche 2014, 223 S., Fr. 29.90

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