ATELIERBESUCH: Die Traumfängerin

Cécile Wick gehört zu den eigenwilligsten und innovativsten Schweizer Fotokünstlerinnen. Die 63-jährige Thurgauerin stellt bei Adrian Bleisch in Arbon aus und bald im Kunsthaus Grenchen, wo sie Lithografien direkt auf die Wand drucken wird.

Christina Genova
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Cécile Wick in ihrem Wohnatelier im Zürcher Seefeld. (Bild: Ralph Ribi)

Cécile Wick in ihrem Wohnatelier im Zürcher Seefeld. (Bild: Ralph Ribi)

Christina Genova

christina.genova

@tagblatt.ch

In Cécile Wicks luftigem Wohnatelier im Zürcher Seefeld fällt die Wintersonne durch die grosse Fensterfront. In der loftartigen Wohnung sind Leben und Arbeiten vereint: Die Küche geht nahtlos in den Atelierbereich über. An den Wänden hängen Cécile Wicks Fotoarbeiten und Druckgrafiken. Mehrere stammen aus der Serie «Fiori di Notte». Es sind Blütenzweige, die aus nachtschwarzer Dunkelheit mit ihrer Schönheit betören und unglaublich malerisch anmuten. Schönheit und Blumen – gleich zwei Tabus der zeitgenössischen Kunst hat Cécile Wick damit gebrochen. Sie schert sich kein bisschen darum: «Blumen habe ich einfach gerne», sagt sie unbekümmert. Nicht nur Blumen, auch Wasser, Stadtansichten, Wolken, Berge sind wiederkehrende Motive ihrer atmosphärischen Bilder, aufgestiegen wie aus Träumen, schemenhaft, nie ganz fassbar, geheimnisvoll.

Als eigenständig, sprich eigenwillig, wird Cécile Wicks Schaffen gerne bezeichnet. Auch im Gespräch ist die Künstlerin eine Frau der klaren Worte. Von der analogen Fotografie, zu der sie schon immer eine Hassliebe pflegte, habe sie sich verabschiedet: «Das darf man fast nicht ­sagen, aber ich fotografiere alles mit dem Handy.» Überhaupt pflegt sie zur Fotografie ein äusserst unverkrampftes Verhältnis. «Ich gehe nie fotografieren, ich fotografiere dort, wo ich bin», sagt Cécile Wick in ihrer wunderbar lakonischen Art. Später bearbeitet sie ihre Fotos am Computer: «Möglichst wenig, ich bin faul.»

Aufgewachsen mit acht Geschwistern

Eminent wichtig ist das Trägermaterial: «Bei mir gehört es zum Werk», sagt die Künstlerin, die sich selbst als Papierfetischistin bezeichnet. Je nachdem, ob sie handgeschöpftes Papier aus Indonesien oder Japanpapier verwendet, verändert sich der Ausdruck ihrer Bilder. Im Atelier steht deshalb neben einem grossen Tisch, den sie zum Zuschneiden und für ihre reduzierten Tuschzeichnungen verwendet, auch ein riesiger Inkjetdrucker: «Das ist meine Weberei», sagt Cécile Wick fast liebevoll. Der Drucker, der fast wie ein Webstuhl töne, macht sie unabhängig. Wohl kaum ein Copyshop würde ihre Fotos ausdrucken – wegen des grossen Aufwandes und aus Angst, das faserige Papier könne die Druckköpfe verstopfen.

Cécile Wicks Fotografien, zarte Zeichnungen und Druckgrafiken sind zurzeit in der Galerie Adrian Bleisch in Arbon in einer Einzelausstellung zu sehen. Die Künstlerin ist in Sulgen in einer streng katholischen Bauern­familie mit acht Geschwistern aufgewachsen: «Neun Kinder, sieben Kühe, wir waren arm.» Die Kinder mussten mit an­packen und morgens vor der Schule Erdbeeren ablesen. Zu Cécile Wicks Aufgaben als ältester Tochter gehörte auch das ­Kochen, Abwaschen, Kinder ­hüten: «Ich habe es gehasst.» Es gab keine Kultur, keine Bilder, nur das Hörspiel auf Radio Beromünster am Montagabend. Cécile Wick wollte studieren. Das lag nicht drin: «Mädchen heiraten ja sowieso», hiess es. Doch sie durfte Primarlehrerin werden bei den Menzinger Schwestern im Kanton Zug. Später ging sie dann doch an die Uni, war masslos davon enttäuscht, studierte Theater in Paris bei Etienne Decroux und kam dann über den Bildhauer Jürg Altherr zur Kunst – «wie die Jungfrau zum Kinde».

Im Atelier finden sich Spuren der nächsten grossen Einzelausstellung Cécile Wicks, die am 25. März im Kunsthaus Grenchen eröffnet. Dort wird sie 16 ihrer fotografischen Bilder als Lithografien mit Hilfe eines neuen Druckverfahrens direkt auf die Wand anbringen.

Ausstellung Galerie Bleisch, Arbon, bis 20.1. Am Sonntag findet um 11 Uhr eine Begegnung mit Cécile Wick mit anschliessendem Apéro statt. Vom 23.12. bis 9.1. bleibt die Galerie geschlossen.