100 Jahre Tango Nuevo
Astor Piazzolla war der Jimi Hendrix des Bandoneons, seine Musik macht bis heute süchtig

Der Argentinier Astor Piazzolla zählte zu den populärsten Musikern und Komponisten des letzten Jahrhunderts. Heute würde der Erneuerer des Tangos seinen 100. Geburtstag feiern. Was war sein Geheimnis?

Daniele Muscionico
Drucken
Teilen
Der argentinische Bandoneonspieler Astor Piazzolla (1921-1992) am 1985 am Jazzfestival Montreux.

Der argentinische Bandoneonspieler Astor Piazzolla (1921-1992) am 1985 am Jazzfestival Montreux.

Str / KEYSTONE

Es ist doch so, das Leben ist eine Dauerkrise. Denn das Glück ist eine launische Erbtante. Kaum gelingt das Leben so, wie man will, geht es schon wieder schlecht. Liebe? Schöne Illusion der Jugend. Liebe besteht aus Arbeit. Zu Recht fragt man sich gelegentlich: Worauf kann ich mich eigentlich verlassen?

Musik für den ersten und den letzten Kuss

Etwas ist verlässlich, und das weiss ich, seit ich die Musik des Argentiniers Astor Piazzolla kenne. Seine Arrangements sind zuverlässige Echoräume des Trostes. Piazzolla tröstet in fast jeder Krise. Von der Pubertät bis zu Corona, von der ersten Liebe bis zum letzten Kuss, seine Musik hält in den meisten Lebenslagen den eigenen Gefühlen eine Antwort entgegen. Piazzolla verlegt die Emotionen nach aussen, die beim Zuhörer innen toben. Die Wirkung ist entlastend und befreiend.

Piazzolla, ein Italiener in Argentinien, in Buenos Aires 1921 geboren und dort 1992 gestorben, ist der Meister des Bandoneons. Er komponierte gehämmerte, wie Gewehrsalven getrommelte Läufe, die bersten vor Dramatik, Sinnlichkeit und vor allem Erotik.

Kitsch oder Können?

Ein erstes Date ohne Piazzolla-Seufzer im Hintergrund? Geschenkt. Wenn die Masseinheit des erotischen Wohlbefindens eine musikkritische Kategorie ist, dann ist er ein Gott des alternativen Wellness genauso wie Johann Sebastian Bach.

«Kitsch!», meint vielleicht der Purist und kritisiert die Absicht, die die Musik bisweilen vor sich herträgt: Piazzolla wollte zeitlebens beliebt sein. Und gewiss ist es gefällig und klangschön, was er schrieb und gespielt hat. Doch der Fan, der darauf beharrt, dass er bei ihm – vielleicht genau deshalb – eine Art von unzeitgemässem Trost findet, ist mit seiner Wahrnehmung nicht allein.

Astor Piazzolla zählt weltweit zu den beliebtesten und bekanntesten Komponisten des letzten Jahrhunderts. Millionen Menschen aller Kultur- und Sprachräume sind seiner Musik erlegen. Das Lied auf den Tod seines Vaters «Adios Nonino» ist in Argentinien eine Art nationale Hymne. Zum Anlass seines 100. Geburtstags am 11. März sind die sozialen Medien voll mit Dankesbekundungen und überschwänglichen Liebeserklärungen aus allen Weltecken.

Highnoon der Emotionalität

In seiner Musik finden sich offensichtlich argentinische Flüchtlinge ähnlich erkannt wie Menschen, die Opfer von Corona sind, oder die jemanden durch die Pandemie verloren haben. Menschen, die das Leben hart angeht, werden von Piazzolla wie die Fliegen angezogen. Denn er spricht von Schmerz, von Träumen und vom Leben. Er hat vertont, was seine Landsleute «sueño de vida» nennen, den Traum des Lebens.

Wieso er für mich einzigartig ist? Er denkt Musik nicht vom Kopf her, sondern vom Bauch. Er ist ein spartenübergreifendes Phänomen, ein Jazzmusiker der anderen Art oder ein Rocker für Klassikfreunde. Ein Jimi Hendrix der Harmonika auch: Piazzolla ist die personifizierte Fusion. Aus Sicht der Musikkritik hat er den argentinischen Tango wieder- und neu belebt und den Tango Nuevo erfunden. Aus seiner Sicht hat er den Tango aus dem Schummerlicht der Bordelle und Kabaretts von Buenos Aires ins Scheinwerferlicht der internationalen Weltbühne geholt.

Er zieht am Instrument wie das Leben an uns

Man kann sein Spiel zum Anlass seines Geburtstages auch online beklatschen, sein Auftritt am Jazzfestival Montreux 1985 ist einer seiner eindrücklichsten. Er dauert fast 18 Minuten, und ist eine Reise einmal um unsere (Gefühls-)Welt.

Piazzolla im Konzert, das ist ein schmaler Mann mit einem verkürzten Bein, das er auf einen Schemel abstellt. In Montreux spielte er «La Tristezas de un doble A», eine Hommage an sein Instrument, ein Bandoneon aus der Werkstatt des deutschen Alfred Arnold.

Die Augen sind geschlossen, und die Finger rasen über eine absurd scheinende Anordnung von Knöpfen. Piazzolla dehnt, zieht und malträtiert sein Instrument. Ähnlich macht es das Leben mit uns: Es zieht uns so lange in die Form, bis wir nachgeben. Dann seufzen wir auf. Doch Musik ist das nicht.

Aktuelle Nachrichten