Aschenputtel auf neapolitanisch

Eine neugegründete Theatergruppe zeigt ihr erstes Theaterstück: «Aschenputtel alla napoletana». Das altbekannte Märchen kommt ganz anders daher: Temperamentvoll, musikalisch, tänzerisch – und in mehreren Sprachen und Dialekten.

Dieter Langhart
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Franziska Hipp (l.) und Barbara Dorn bei den Proben. (Bild: pd)

Franziska Hipp (l.) und Barbara Dorn bei den Proben. (Bild: pd)

FRAUENFELD. «…die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen!» Wer kennt nicht aus seiner Kindheit das Märchen von Aschenputtel. Gewiss wird es die Fassung der Gebrüder Grimm gewesen sein, doch wer Franzose oder Italienerin ist, gar aus Neapel stammt, dürfte ein anderes Aschenputtel kennen. Denn die Geschichte ist in ganz Europa bekannt und verbreitet. Und Giambattista Basile hat sie zum ersten Mal gedruckt, im Jahre 1636 in Neapel. Im Jahre 1697 tat es ihm der Franzose Charles Perrault gleich.

«Machen wir Theater!»

Doch die Theaterfrau Franziska Bolli, eine nach Konstanz ausgewanderte Thurgauerin, interessierte sich für «Cenerentola», das Aschenputtel alla napoletana. Und genau so heisst auch das Stück, das sie mit einem Dutzend Theaterbegeisterten und Musikern einstudiert hat.

Franziska Bolli hat Italienisch studiert und wusste, dass im Süden Italiens zahlreiche Varianten des Märchens erzählt werden, «die mit heidnischen Bräuchen oder der Marienverehrung verbunden sind». Als sie an einem neapolitanischen Abend in Konstanz ein Referat hielt, erwähnten einige Zuhörer, sie hätten Roberto de Simones Theaterfassung aus den Siebzigern gesehen, die stark auf Musik und Tanz setzte. Und sie riefen: «Machen wir Theater! Für einen Abend nur!»

Flugs gründete Franziska Bolli die Compagnia Teatro Tavoloitaliano, dann ging es an die Vorbereitungen. Was soll von der Originalvorlage verwendet werden? Sie schrieb das Stück praktisch neu. Wo gibt es geeignete Probenlokale? Die Theaterwerkstatt in Frauenfeld war bereit. Und jetzt werden drei Abende daraus: in Frauenfeld, Konstanz und Kreuzlingen. «Danach sehen wir weiter», sagt Franziska Bolli.

Wie geht denn die neapolitanische Version des Aschenputtels? Die Wäscherinnen erzählen sich bei ihrer anstrengenden Arbeit die Geschichte der hochmütigen Cenerentola – in ihren Sprachen und Dialekten.

Neapel, die Aschenstadt

Im Wort Cenerentola steckt cenere, Asche. Denn Neapel, mit dem Vesuv im Nacken, ist die Aschenstadt, und wenn der Vulkan ausbricht, liegt Unheil in der Luft. Die Stadt hatte immer wieder andere Herrscher über sich, andere Stiefmütter. Die Menschen hätten gelernt, nicht aufzugeben, sagt Franziska Bolli in einer Probenpause – auch weil manches nicht funktioniere in der Stadt. «In der Realität hilft dir eh keiner, sagen sie.»

Die einzige Vertraute der Cenerentola ist eine Schneiderin. Sie gibt dem Mädchen einen teuflischen Rat, und Aschenputtel lockt ihre Schwiegermutter in eine tödliche Falle. Als ihr Vater die Schneiderin heiratet, beginnt Aschenputtels Martyrium von neuem, und sie wird zur gatta cenerentola gemacht. Als Glücksfee fungiert der Monaciello, ein femminiello, ein transsexueller Mann, der das weibliche und das männliche Prinzip in sich vereint. «In einem zweiten Erzählstrang lasse ich die Wäscherinnen das Geschehen kommentieren», sagt Franziska Bolli. «Sie bilden die unterste Schicht, sind benachteiligt, aber stark.»

Theater und Übersetzungen

Franziska Bolli hat das Vorstadttheater in Frauenfeld mitgegründet und spielte weiter bei der Theagovia. Nach ihrem Studium begann sie, als Übersetzerin zu arbeiten. Vor kurzem ist eine zweisprachige Ausgabe von Luciano De Crescenzos «Il caffè sospeso/Espresso mit Herz» erschienen, das sie mit Achim Lunkenheimer übertragen hat.

• So, 24. 4., 18 Uhr: Theaterwerkstatt Gleis 5, Frauenfeld • Do, 28. 4., 20 Uhr: Kulturzentrum am Münster, Konstanz (Wolkensteinsaal) • So, 1. 5., 18 Uhr: Theater an der Grenze, Kreuzlingen • Reservation: fran@bollimusic.de, +49 7531 36 9292 6