ARTIST IN RESIDENCE: Tanz macht Schule

Das Bewegungsrépertoire erweitern und einen kreativen Prozess mitgestalten: Daran arbeiten Studierende der Pädagogischen Hochschule mit den Tänzern Sebastian Gibas und Andrea María Méndez Torres.

Bettina Kugler
Drucken
Teilen
Proben im Innenhof des Hochschulgebäudes Stella Maris: Die Tanzperformance ist Teil eines spartenübergreifenden Kunstprogramms zum Thema Grenzen. (Bild: Ralph Ribi)

Proben im Innenhof des Hochschulgebäudes Stella Maris: Die Tanzperformance ist Teil eines spartenübergreifenden Kunstprogramms zum Thema Grenzen. (Bild: Ralph Ribi)

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Mit jedem Schritt der Tänzerinnen knirscht der Kies im Innenhof des Hochschulgebäudes Stella Maris in Rorschach. Der Boden, auf dem die Frauen in ihrer gut 40-minütigen Performance Grenzen ausloten und die Grenzen ihres Arbeitsalltages kreativ überwinden, stellt die Konzentration vor eine weitere Herausforderung. Nicht genug, dass die Bewegungsabläufe nun Schritt für Schritt vom Kopf in den Körper fliessen müssen, dass am Timing, der Koordination innerhalb der Gruppe präzise gearbeitet wird. Die «Erdung» ist noch gewöhnungsbedürftig. Und der Frühlingsabend ist kühl.

Seit Anfang März wird einmal wöchentlich geprobt für das Projekt «Grenzen Menschen Wagnis» an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen. Im Freien, bei Wind und Wetter. Nach dem Training, dem Aufwärmen in der Aula, wird outdoor an der Choreografie gefeilt: bei Probenbeleuchtung und warm eingepackt, mit Jacken und festen, robusten Schuhen. Getanzt wird im Hof, auf dem Dach des Verbindungsbaus und der Treppe. Trainer, Choreograf und Artist in Residence ist der Tänzer Sebastian Gibas, gemeinsam mit seiner Frau Andrea María Méndez Torres. Schon recht zufrieden gehen die beiden am Ende dieses Abends im März nach Hause. «Es sieht stellenweise noch etwas zu sehr nach Choreografie aus», sagt Sebastian Gibas, «jetzt muss es Tanz werden.»

Körperarbeit nützt angehenden Lehrern

Monatelange intensive Arbeit liegt hinter dem Tänzerpaar und der Gruppe. Präsentiert wird die Performance am kommenden Donnerstag, eingebettet in weitere Kunstprojekte aus diversen Sparten: Gesang, Musik, Schauspiel, Bildende Kunst und Fotografie, gecoacht von Lehrenden der Pädagogischen Hochschule (siehe Kasten). Bereits zum fünften Mal wurden ausgewählte Künstler eingeladen, einen Projektvorschlag einzureichen.

«Mit Männern würden wir mehr Zeit brauchen»

«Die Idee dahinter ist, den musischen Schwerpunkt des Studiums, der zuvor am Lehrerseminar gepflegt worden ist, in einer anderen Form beizubehalten», sagt PH-Dozentin Elisabeth Karrer. Sie selbst tanzt mit bei «Grenzen Menschen Wagnis»; Sebastian Gibas hat für das Projekt die Laien seiner Formation Choreo Tanz hinzugezogen – mit diesen arbeitet er schon länger. Und Kunst braucht Zeit, besonders, wenn die professionellen Grundlagen fehlen. «Der Weg ist das Ziel», sagt Gibas. Zum einen sollen die Körperwahrnehmung, das Rhythmusgefühl, die Synchronisation mit einer Gruppe geschult werden; künftigen Lehrerinnen und Lehrern kann das helfen, mit mehr körperlicher Präsenz vor der Klasse zu stehen. Zum anderen geht es um die Erfahrung, gemeinsam an einem kreativen Prozess teilzuhaben.

Das Angebot ist freiwillig und verlangt einen Extraeffort von den Studierenden; gemeldet haben sich ausschliesslich Frauen. «Mit Männern», sagt Sebastian Gibas, «hätten wir noch mehr Zeit gebraucht.» Denn Bewegung ist wie eine neue Sprache mit Vokabular, das gelernt und geübt sein will. Begonnen hat das Projekt im Herbstsemester; finanziell und ideell unterstützt wird es durch die Stiftung Mariaberg. Sebastian Gibas und Andrea María Méndez Torres sind offen an das Thema «Grenzen» herangegangen. Erfahrung als Artist in Residence haben beide bereits durch ein Primarschul-Projekt; in diesem Rahmen entwickelten sie mit den Kindern ein Tanzmärchen. Ein Satz von Schopenhauer steht nun als Motto über der spartenübergreifenden Performance: «Jeder sieht die Grenzen seines Gesichtsfeldes als die Grenzen der Welt an.» Der Blick soll auch bei den Zuschauern gern über den mit Bewegung bespielten Campus hinausgehen.