Artgerecht entsorgter Mann

Am Casinotheater Winterthur besichtigt eine Kabarettistenschar auf höchst unterhaltsame Art das vergangene Jahr. Besondere Aufmerksamkeit bekommt dabei der Mann.

Rolf App
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Wussten Sie, dass Donald Duck keine Hosen trägt? Ja, da muss man sich schon überlegen, was man seinen Kindern so in die Hand drückt. Renato Kaiser macht das biedere Volk im Winterthurer Casinotheater auf dieses bisher übersehene, aber zweifellos skandalöse Faktum aufmerksam. «Gerigate» ist sein Stichwort, diese Geschichte des vergangenen Jahrs rund um einen Politiker, der nicht viel getan hat, dies aber sehr öffentlichkeitswirksam.

Eine Heiligsprechung

Es war ein Jahr mit vielen Höhepunkten, die Kabarettisten des satirischen Rückblicks «Bundesordner» haben jede Menge Stoff. Uta Köbernick, Anet Corti, Nils Althaus, Kathrin Bosshard und eben Renato Kaiser greifen ihn je auf eigene Weise auf. Nils Althaus singt Balladen, in denen sich Falltüren öffnen, einmal verhindert er auch mit guten Argumenten eine Heiligsprechung. Dazu informiert er den Bittsteller – einen Arzt, der Wunder vollbracht haben will – , man müsse zuerst einmal tot sein. Uta Köbernick singt von Liebe und von Flüchtlingen, in ihre zarte Melodien mischt sich scharfe Zeitkritik.

Pascal Dussex und Resli Burri von «Les Trois Suisses à deux» sorgen fürs Musikalische, können aber noch sehr viel mehr – zum Beispiel als «iMan 0815S» und «iMan 0815S plus» der Frauenwelt gefallen. Die kann dann das neue Männermodell draussen gleich gegen den alten umtauschen. «Wir werden ihn artgerecht entsorgen», verspricht Anet Corti, die den neuen Zeitgenossen ohne störenden Schnickschnack entwickelt hat.

Der Hitler fehlt

In dieser Nummer erklimmt sie den Gipfel ihrer beträchtlichen satirischen Kunst. Anet Corti ist eine Klasse für sich, auch mit diesen Kafirahmdeckeli, von denen nur eines immer noch fehlt – der Hitler.

Last but not least im bunten, von Paul Steinmann zu einem unterhaltsamen Bilderbogen gefügten Kaleidoskop führen Anna Katharina Rickert und Ralf Schlatter von «schön&gut» durch den Abend. Gefährlich wird's bei ihnen, wenn sie diese wilden Bärte tragen. Dann werden sie zu den Schweizern schlechthin. Meistens steht dann wieder wer an der Grenze und will herein in unser schönes, sauberes Land.

Oder ist gar schon drin: Woher kommt schon wieder dieser Hafenkran? Rostock? Wie war das damals in Troja mit diesem Pferd? Ein schwerwiegender Verdacht breitet sich aus in den Hirnen unserer zwei Eidgenossen. Wahrscheinlich stecken da drin «maritimi Parasite», und der Kran ist die Rache von Brüssel. Politik muss sein an einem solchen Abend. Auch am Anfang und Schluss ein mit Applaus quittierter Gruss an Charlie Hebdo, an die Kollegen in Frankreich, die für die Satirefreiheit ihr Leben gelassen haben.

«Man weiss es nicht»

Aber es muss auch etwas anderes sein: Poesie. Kathrin Bosshard ist zu viert. Ihre drei Puppen setzen eigene, oft poetisch-rätselhafte Akzente. Vor allem dieser alte Mann, der schon sehr tot aussieht, und dessen kurzen Auftritte stets mit dem Satz enden: «Man weiss es nicht.»

Einmal steht sie allein auf der Bühne, macht Christian Morgensterns Gedicht «Die Flamme» zum szenischen Ereignis. Und am Ende ist er wieder da, vor dem wir alle uns fürchten: der Weltenbrand.

«Bundesordner 2014» wird am Casinotheater Winterthur bis Ende Januar noch mehrfach gespielt.