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ART BASEL: Wallfahrt zur Kunst

Kunst ist die Religion einer neuen globalen Elite. Dieser Ansicht ist der St. Galler Soziologieprofessor Franz Schultheis. Er hat über die Basler Messe geforscht, die heute eröffnet.
Christina Genova
VIP-Besucherinnen der Art Basel. (Bild: Harold Cunningham/Getty (Basel, 13. Juni 2017))

VIP-Besucherinnen der Art Basel. (Bild: Harold Cunningham/Getty (Basel, 13. Juni 2017))

Christina Genova

christina.g

enova@tagblatt.ch

«Wir treffen uns unten an der Treppe zum VIP-Bereich», sagt Franz Schultheis am Telefon. Der Soziologieprofessor der Universität St. Gallen gehört zum erlauchten Kreis der VIPs, welche die Art Basel bereits zwei Tage vor der offiziellen Eröffnung besuchen dürfen. Schultheis hat dieses Privileg nicht etwa, weil er passionierter Kunstsammler ist, sondern er besucht die wichtigste Kunstmesse der Welt aus rein wissenschaftlichem Interesse. Drei Jahre hat er zur Art Basel geforscht und zwei Bücher dazu veröffentlicht. Wir stellen uns etwas an den Rand des Trubels und ­beobachten die Messebesucher: «Man hat das Gefühl, dass es ein grosses Theater ist», sagt Schultheis, «die Leute inszenieren sich und feiern sich selbst.» Man sieht viele schöne Menschen, die meisten sind sorgfältig gekleidet, elegant mit einem Schuss Bohème, Sie werden Bobos genannt – Bourgois-Bohèmiens. «Man erkennt einen «Art-Basel-Style», sagt Schultheis, «Die Schuhe zum Beispiel sind sehr wichtig.»

2011 hat Franz Schultheis die Art zum ersten Mal besucht, das Billett bekam er geschenkt. «Ich schaute mir die Leute an und dachte mir: Man müsste sie analysieren wie ein Ethnologe einen Stamm in Amazonien.» Gesagt, getan. Dank Geldern des Schweizerischen Nationalfonds führten Schultheis und seine Mitarbeiter 120 Interviews mit Sammlern, Galeristen, Kuratoren und Künstlern aus dem Umfeld der Art Basel durch. Akribisch durchleuchteten und analysierten sie die ­Mechanismen der Kunstwelt, basierend auf den Gesellschaftstheorien des französischen Soziologen Pierre Bourdieu, bei welchem Schultheis habilitiert hat. Er stellte fest, dass hinter dem Erfolg der Art Basel unter anderem eine hochdifferenzierte «Hackordnung» steckt, sowohl was die Besucher als auch was die Galerien anbelangt.

Wer hat, dem wird gegeben

Zum Erfolgsrezept Art Basel gehört eine rigorose Selektion der Galerien. Über 1000 Galeristen bewerben sich jedes Jahr und sind bereit, 3000 Franken für die Bewerbung hinzulegen. Ein kleines Expertengremium wählt die 300 renommiertesten davon aus. Deren Prestige strahle dann auf die Art Basel, sagt Schultheis. Und die Galerien schmückten sich wiederum mit der Teilnahme an der Art. So schaukle es sich hoch. Viele der Galerien machten einen Grossteil ihres Jahresgeschäftes an der Art Basel, obwohl sie hohe Mieten bezahlten. 100 Quadratmeter kosten etwa 100000 Franken für die sechs Messetage.

Auch bei den Besuchern besteht eine fein abgestufte Hierarchie. In seinem Forschungsprojekt konnte Schultheis drei Gruppen von VIPs eruieren, welche gestaffelt an die Vorbesichtigung der Art Basel dürfen: Die erste Kategorie, die zuerst an die Messe dürfe, habe die grössten Kaufchancen, weil eine geringere Nachfrage versammelt sei. Die VIPs setzten sich zusammen aus den besten Sammlern der Galerien. Ausserdem gebe es darüber noch eine weitere Kategorie, sagt Schultheis. Innerhalb der VIP-Lounge im oberen Stock des Messegebäudes habe die UBS einen Bereich, der ihren Kunden vorbehalten sei: «Das ist das Allerheiligste. Dort fliesst Gratis-Champagner, und es gibt nur die besten Speisen, ganz nach dem Mat­thäus-Prinzip: Wer hat, dem wird gegeben.»

Dass Schultheis religiöse Begrifflichkeiten verwendet, hat mit einer These in der Soziologie zu tun, dass die Kunstliebe als Re­ligionsersatz funktioniere: «In unserer säkularisierten Gesellschaft hat sich der Glaube an ­etwas Transzendentes, Ewiges stark auf die Kunst verlagert.» Sammler, Galeristen, Künstler, Besucher und die Leitung der Art teilten den Glauben an die Erhabenheit dessen, was sie tun. Es sei eine Glaubensgemeinschaft, die an diesem Ort ihr Hochamt feiere. Schultheis spricht von einer «modernen Wallfahrt». Die Art Basel sei das Rom dieser Religion einer neuen globalen Elite. Diese definiere sich nicht nur über den ökonomischen Reichtum, sondern auch über ihr kulturelles und symbolisches Kapital. Letzteres sei, was an einem Kunstwerk so erstrebenswert sei: Durch dessen Einzigartigkeit erhoffe man sich Einmaligkeit für sich selbst: «Der Zauber und das Charisma des Kunstwerks gehen auf den Käufer über.» Diese Investition in symbolisches Kapital diene der Unterstreichung der eigenen Noblesse. Diese Verausgabung für Kunst sei eine Art Demonstration, dass man nicht nur ans Geld denke, sondern auch an die höheren Dinge, dass man ein Mensch sei, «der nicht nur Klasse ist, sondern auch Klasse hat». Aber natürlich gehe es auch darum, zu zeigen, dass man in der Lage sei, demonstrative Verschwendung zu betreiben, also Geld für Dinge auszugeben, die einen reinen Symbolwert hätten. Eine bemalte Leinwand mit einem Rahmen sei etwa 50 Franken wert, werde aber für 12 Millionen verkauft. Dies lasse sich rational nur erklären durch die Wirkung eines mystischen Glaubens an die Ausseralltäglichkeit der ausgestellten Dinge: «Was hier rumhängt, beansprucht ­keine Ware zu sein.» In diesem «Supermarkt der Luxusklasse» müsse von der Idee Abstand genommen werden, dass es sich um banalen Warenverkehr handle.

Kollektive Illusion

Die logische Konsequenz davon ist, dass es an der Art Basel keine Preisschilder gibt. Franz Schultheis zitiert Bourdieu: Man könne in der Kunstwelt nur tun, was man tut, wenn man so tut, als täte man es nicht. Als Aushängeschild dieser kollektiven Illusion und weiteres Erfolgsrezept der Art Basel bezeichnet Schultheis die Art Unlimited. In dieser vom renommierten Kurator Gianni Jetzer betreuten Ausstellung werden in einer an den Galeriebereich angrenzenden Messehalle grossformatige Kunstwerke gezeigt. Das Kommerzielle gebe sich dort nichtkommerziell, als l’art pour l’art.

Die Kehrseite der Medaille des Erfolgsmodells Art Basel ist ein knallharter Verdrängungswettkampf. Dabei, so Schultheis, hätten die kleinen Programmgalerien das Nachsehen: In Berlin gingen 30 Prozent der Galerien bankrott, 95 Prozent der Künstler kämen nicht über das Mindesteinkommen heraus. Man vergesse gerne, dass das Künstler­genie und sein hochgeschätztes Werk das Produkt einer langen Verkettung von Weiheinstanzen sei: der Galerie, die den Künstler entdecke, des Kurators, der dessen Werke im Museum ausstelle, des Kritikers, der die Ausstellung wohlwollend bespreche. Komme die Weihekette in Gang, wechsle der Künstler von der Galerie in St. Gallen oder Frauenfeld nach Zürich, London oder New York. Das Nachsehen hätten diejenigen, welche die Aufbauarbeit leisteten. Dies funktioniere nach der Logik, die auch von den Künstlern zitiert werde: «The winner takes it all.»

Bis 18.6. Weiterer Artikel zur Art Basel S. 11.

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