Armut im reichen Land

35 Institutionen haben die Biodiversität in der Schweiz untersucht – die Forscher sind betroffen.

Bruno Knellwolf
Drucken
Teilen
Wiesenblumen (Bild: (68996969))

Wiesenblumen (Bild: (68996969))

Wütend sei er manchmal – und vor allem besorgt. Das sagt Markus Fischer von der Universität Bern, Präsident des Forums Biodiversität Schweiz. Fischers schlechte Gefühle ausgelöst haben die Resultate einer grossen Untersuchung von 35 wissenschaftlichen Institutionen über den aktuellen Zustand der Biodiversität in der Schweiz. Gestern wurde in Zürich der Schlussbericht vorgestellt (erste Erkenntnisse hat die Ostschweiz am Sonntag vom 15. März publiziert).

Die Analysen der 43 beteiligten Wissenschafter stellen dar, dass es mit der Artenvielfalt in unserem Land weiter bergab geht. «Und das trotz aller getroffenen Massnahmen», sagt Fischer. Massnahmen, deren Erfolge man zwar im einzelnen sehen könne, die aber den Trend nicht stoppten. Das gilt generell für alle untersuchten Lebensräume: also Gewässer, Moore, Agrarland, Wald, alpiner und subalpiner Raum sowie die Siedlungen, in denen die meisten Menschen der Schweiz wohnen.

Zerschnittene Landschaften

Der Verlust an Biodiversität hat mehrere Ursachen, wie Fischer erklärt. Wesentlich ist, dass laufend Lebensräume für Tiere und Pflanzen verloren gehen. Grosse Flächen wurden bereits verbaut, artenreiche Wiesen zu Wald. Nach wie vor gehen auf landwirtschaftlich genutzten Flächen Kleinstrukturen mit Hecken und Sträuchern und damit Lebensräume für zahlreiche Arten verloren. «Landschaften werden zerschnitten oder werden umgestaltet. Seit 1856 sind 70 Prozent der Auen zerstört worden. In der Rhone gingen 14 von 19 Fischarten verloren», sagt Fischer. Wo früher Flüsse mäandert haben, sind die se später begradigt und in Kanäle gezwängt worden.

«Die Schweiz ist das Wasserschloss Europas», sagt Florian Altermatt von der Universität Zürich. «Gewässer sind für die Artenvielfalt am wichtigsten, zehn Prozent der heimischen Tierarten sind auf diese Lebensräume angewiesen, 84 Prozent aller Arten können in Auen vorkommen», sagt der Professor am Institut für Evolutionsbiologie. Aber kein anderer Lebensraum habe so stark gelitten wie die Gewässer, sagt Altermatt. Wie in der Pflanzenwelt werden in den Gewässern einheimische Arten durch fremde ausgetauscht. «Und die neu aufgetauchten Arten dominieren schnell.»

Zudem sind heute 60 Prozent der Siedlungsfläche mit Beton und Asphalt versiegelt. Und in den noch freien Räumen haben exotische Pflanzen und Tiere die einheimische Flora und Fauna verdrängt. Auch die Kohlendioxid-speichernden Moore sind zwischen 1900 und 2010 um 82 Prozent zurückgegangen. Die Wälder sind zwar flächenmässig gewachsen, aber viel zu dunkel, zu nutzungsorientiert angelegt – für die Artenvielfalt fehlt es an Licht und Totholz, das liegen bleibt und vielen Lebewesen somit fehlt.

Zu sauber, zu zweckmässig

Und auch das Agrarland ist vor allem zweckmässig eingerichtet. «Nur drei Prozent davon sind ökologisch wertvolle Flächen. Düngt man eine Wiese, halbiert sich die Artenzahl innerhalb von zwei Jahren», sagt Fischer. In der Landschaft steht von den schönen, mächtigen Hochstämmern im Vergleich zu 1950 nur noch ein Siebtel. Artenreiche Trockenwiesen gehen verloren, Vögel und Schmetterlingsarten ebenso. Auch in den alpinen Lebensräumen geht die Biodiversität zurück. Sömmerungsweiden werden aufgegeben, ein Prozent der Fläche wird für Skipisten genutzt. «Wir sind sehr besorgt, die Biodiversität geht überall massiv zurück», sagt Markus Fischer.

«An vielen Orten sieht die Landschaft grün aus, wunderbar», sagt Stefan Eggenberg, Direktor von Info Flora, der die Roten Listen mit den gefährdeten Arten überarbeitet hat. «Doch wenn man genauer hinschaut, wird aus dem grünen Bereich ein roter.» Es fehle an Platz für eine vielfältige Flora und Fauna. «Mehr als ein Drittel der Populationen, die auf Roten Listen waren, haben wir nicht einmal mehr gefunden», sagt Eggenberg. Trotz aller Bemühungen gehe es gerade den gefährdeten Arten immer schlechter. «Auf den Wiesen blühen gelbe Blumen, sieht schön aus, aber es sind alles die gleichen Arten.»

«Die Untersuchungen zeigen, dass wir nun handeln müssen, wir wissen genug», sagt Fischer. Der Verlust an Lebensräumen müsse gestoppt, Flächen müssen renaturiert und aufgewertet, Schutzgebiete vernetzt und Artenförderungsprogramme durchgeführt werden. Die biologische Vielfalt werde durch den Menschen beeinflusst, er profitiere aber auch existenziell davon. Auf den vom Bund beschlossenen Aktionsplan mit 70 Massnahmen setzen die Wissenschafter nun ihre Hoffnungen.

epa01617809 Acraea butterflies collect nectar from mint flowers in a valley of the Table Mountain National Park in Cape Town, South Africa 29 January 2009. The Table Mountain National Park is part of the Cape Floristic Region World Heritage Site. The Park is recognized globally for its extraordinarily rich, diverse and unique fauna and flora a major draw card for visitors around the FIFA 2010 world cup. Nowhere else in the world does an area of such rich bio-diversity exist almost entirely within a metropolitan area.  EPA/NIC BOTHMA (Bild: NIC BOTHMA (EPA))

epa01617809 Acraea butterflies collect nectar from mint flowers in a valley of the Table Mountain National Park in Cape Town, South Africa 29 January 2009. The Table Mountain National Park is part of the Cape Floristic Region World Heritage Site. The Park is recognized globally for its extraordinarily rich, diverse and unique fauna and flora a major draw card for visitors around the FIFA 2010 world cup. Nowhere else in the world does an area of such rich bio-diversity exist almost entirely within a metropolitan area. EPA/NIC BOTHMA (Bild: NIC BOTHMA (EPA))