Arkadien

HÖRBAR JAZZ

Tom Gsteiger
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Bild: Tom Gsteiger

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HÖRBAR JAZZ

Beim Jazz handelt es sich sehr oft um eine urbane und hochgradig emotionale Musik voller Sturm und Drang. Mit seinem Trio schuf der Schlagzeuger Peter Erskine in den 1990er-Jahren ein Œuvre, bei dem man so gut wie nie an Wolkenkratzer oder Strassenschluchten denkt, sondern eher an idyllisch gestaltete Grünflächen oder einsame Feldwege – man könnte daher die vielgestaltige, stimmungsvolle, auf subtile Weise mitreissende und durchaus anspruchsvolle Musik dieser formidablen Formation als Arkadien-Jazz bezeichnen. Zum Trio des Amerikaners Erskine gehörten mit dem britischen Pianisten John Taylor und dem schwedischen Bassisten Palle Danielsson zwei grosse Persönlichkeiten des europäischen Jazz. Nun liegen die vier Alben, die das Trio für das Label ECM aufnahm, in einer Box vor, die auch als Hommage an Taylor verstanden werden kann: Der im letzten Sommer im Alter von 72 Jahren verstorbene Pianist trug mit Abstand am meisten Kompositionen zum unkonventionellen und auf Eigenständigkeit bedachten Repertoire des Trios bei. Innerhalb ungewöhnlicher Formen interagieren die drei Musiker äusserst hellhörig mit einer kammermusikalisch anmutenden Souplesse sondergleichen, wobei sich die Dynamik vornehmlich zwischen Pianissimo und Mezzoforte bewegt.

Peter Erskine Trio, «As It Was», ECM

Transzendentalismus

Vor dreissig Jahren nahm der Pianist Fred Hersch mit dem Bassisten Charlie Haden und dem Schlagzeuger Joey Baron ein im doppelten Sinne des Wortes einmaliges Album auf. Dieses zeitlose Juwel wurde nun in verbesserter Klangqualität neu aufgelegt. Ein Drittel der neun Stücke stammt aus der Feder Herschs, darunter der gleichermassen schlichte und tiefschürfende «Child's Song», der Charlie Haden gewidmet ist. Dazu kommen drei Standards sowie drei Stücke von sehr unterschiedlichen Jazz-Koryphäen, nämlich «Enfant» von Ornette Coleman, «The Peacocks» von Jimmy Rowles und «Blue in Green» von Miles Davis und Bill Evans. Im Vergleich zu Erskines Trio bewegen sich Hersch & Co. näher an der Jazztradition: Ihr Arkadien befindet sich in der Neuen Welt und könnte als musikalische Fortsetzung des Transzendentalismus von Henry David Thoreau («Walden») gedeutet werden.

Fred Hersch, «Sarabande», Sunnyside Records

Bild: Tom Gsteiger

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