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Martha Argerich beisst in eine Bratwurst

In seinem neuen Buch lauscht der Autor Hanns-Josef Ortheil den Echos seiner verpassten Musikerkarriere.
Bettina Kugler

Die Zufallsbegegnung am Ufer der Salzach hat für den Knaben, etwas magisch Entrücktes, wie eine Erscheinung, eine Fata Morgana. Mit dem Vater ist Hanns-Josef Ortheil, noch keine zehn Jahre alt, zum ersten Mal bei den Salzburger Festspielen. Die beiden wollen Glenn Gould live hören – den verschlossenen Exzentriker unter den Tastenstars dieser Jahre. Und da steht er plötzlich, ein Mann im langen schwarzen Mantel, eine Schiebermütze auf dem Kopf: Glenn Gould. Er schaut zu, wie das Kind Steine über den Fluss hüpfen lässt, sammelt ebenfalls welche und tut es ihm nach.

Als stünde Herr Jesus vor mir

«Ich weiss nicht, was ich tun soll, denn ich fühle mich, als stünde der Herr Jesus vor mir. Gleich wird er mich an die Hand nehmen und mit mir über das Wasser wandeln. Wir werden in ein Café gehen und einen Tee und eine Limonade trinken. Und wir werden über die Goldbergvariationen sprechen, deren Noten ich noch vor wenigen Stunden im Zug zu lesen und zu verstehen versucht habe.» So vergegenwärtigt der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil diese – frei erfundene, traumgleiche – Schlüsselszene seiner frühen Jahre. Da ist er bereits ein geradezu manisch übender, das Instrument und die dafür komponierte Musik erforschender Nachwuchspianist.

Es gibt eine weitere Szene, die sich einprägt: Er entdeckt in einem Salzburger Park Martha Argerich; er beobachtet, wie sie eine Rostbratwurst kauft und diese mit Genuss verzehrt. Diesen «gediegenen Bratwürstelalltag» erlebt er als Irritation, als scharfe Dissonanz zu seiner noch immer pathetischen Vorstellung vom Leben bedeutender Pianisten. Ihnen eifert der Knabe nach – bis ihn mit Anfang zwanzig, als Liszt-Stipendiat in Rom, eine Sehnenscheidenentzündung dazu zwingt, von seinem Traum Abschied zu nehmen.

Martha Argerich. (Bild: Owen Sweeney/Invision/AP)

Martha Argerich. (Bild: Owen Sweeney/Invision/AP)

Ein Strang von Ortheils Leben

Nicht zum ersten Mal greift Hanns-Josef Ortheil einen Strang seines Lebens heraus und widmet ihm, nach dem anhaltenden Erfolg seines autobiografischen Romans «Die Erfindung des Lebens», ein eigenes Buch. Hier ist es nun das Klavierspielen, in einer Mischform aus Erzählung, Erfindung und tagebuchartiger Reflexion. Typografisch sind diese Passagen klar voneinander abgesetzt; über weite Strecken besteht das Kompositionsprinzip aus einer Zweistimmigkeit von Vergangenheit und Gegenwart des Schreibens – wobei die «Lehrjahre» plastisch in die Gegenwart treten: die Stunden neugieriger Klangerforschung, die Eigenheiten und Spleens der Lehrer und Wegbegleiter.

Erste Lektionen von der Mutter

Die ersten Lektionen erhält der Knabe von der Mutter, die nach dem tragischen Verlust dreier Söhne kein Wort spricht; auch das Kind wird sich die Klänge auf dem von einem Onkel der Mutter geerbten Seiler-Klavier noch vor dem Sprechen und Schreiben zu eigen machen. Das ist vertrautes Terrain für Ortheil-Leser, die dem Autor in der Regel treu auf allen Wegen seiner literarischen Selbsterforschung folgen. Nicht zuletzt deshalb, weil er ein um das andere Mal stilistisch so präzis wie sinnlich auf der Klaviatur der Erzähl- und Beschreibungskunst spielt.

Hinweis: Hanns-Josef Ortheil: Wie ich Klavierspielen lernte. Roman meiner Lehrjahre. Insel, 318 S., Fr. 33.-

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