«Archivar des Wahn Sinns»

Peter Morger Die Hefte 3 und 4 der Werkedition: Vom erfolgreichen Erstling «Notstrom» 1980 zu den verzweifelten Notaten im Jahr 2000.

Peter Surber
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Notizen vom April 2000. (Bilder: Appenzeller Verlag)

Notizen vom April 2000. (Bilder: Appenzeller Verlag)

Das Couvert ist mit grossen unruhigen Buchstaben beschriftet: «Power 2000». Darüber steht: «Vom 02. April bis zum 09.04.00». Darunter: «Die intensivste Woche meines Lebens». Knappe zwei Jahre später hat sich Peter Morger das Leben genommen, an seinem 47. Geburtstag.

Die Notizen aus diesem letzten Schaffensschub des Ausserrhoder Autors und Journalisten kommen jetzt erstmals an die Öffentlichkeit.

Sie stehen im Zentrum des vierten von sechs Heften der Morger-Edition, welche Rainer Stöckli im Appenzeller Verlag herausgibt. «Bin kein Mensch, bin ein Phänomen» ist das Heft betitelt. In den Notizen, mal längs und mal quer auf meist gefaltete Blätter hingeworfen, ist einmal vom «3. Frühling» die Rede, ein andermal steht in Klammern «will glücklich werden» oder, so auf der oben abgebildeten Seite: «Den <schrägen> Vogel aus der <Krone> habe ich mir wohl verdient (Fräche Sièch!)».

Anderswo tönt es dagegen düster, von «P.M.'s Kranken Geschichte» oder vom «Archivar des Wahn Sinns» ist die Rede.

20 Jahre vorher war im Zytglogge Verlag Peter Morgers Erstling erschienen, «Notstrom», eine Sammlung von sechs Erzählungen. Eine literarische «Rakete», kommentiert Herausgeber Stöckli im vorangegangenen dritten Heft Morgers vielbeachteten Start.

Der Verlag hebt die «drakonische Phantasie» und den «sarkastischen Humor» Morgers hervor, die Kritik ist teils «hingerissen».

Momentaufnahme 1980

Stöckli liest «Notstrom» zum einen unter Wetteraspekten: Es regnet immer wieder heftig bei Morger, die letzte Geschichte «Die Schneemann'sche Krankheit» lässt den Protagonisten gar erstarren.

Dem «Hudelwetter» entsprechen die drastischen Schilderungen eines rebellischen Ichs im Clinch zwischen Land und Stadt.

Morgers «Ausgeburten der Vorstellungskraft» vergleicht Stöckli zum zweiten mit anderen Buchstarts um 1980. Und entwirft so die literarische Momentaufnahme eines Jahres, das neben Morgers «Notstrom» eine Reihe weiterer Auf- und Ausbrüche bringt.

Brigitte Schwaiger schreibt «Wie kommt das Salz ins Meer», Bruno Schnyder den Roman «Albino», Alex Gfeller oder Manfred Gerig, Rahel Hutmacher, Matthias Zschokke, Martin R. Dean oder Thomas Hürlimann («Die Tessinerin») sind weiter genannt und vor allem Franz Böni.

Peter Morgers Erstling steht in diesem Umfeld nach Stöcklis Einschätzung zwar konkurrenzlos – lässt aber auch schon die «Höhenflüge und Notlandungen» vorausahnen, die folgen werden.

Der Zweitling «Pius und Paul» 1984 kommt an «Notstrom» nicht heran, Morger profiliert sich danach zwar in Kurzformen wie seiner «Lüürik», Aphorismen und ähnlichem – aber der grosse Wurf gelingt nur ein einziges Mal.

Ein zerrissenes Leben

Zwischen «Notstrom» 1980 und dem «Power 2000» liegen zwanzig Jahre eines Autors, dem, so Stöckli, «zu Lebzeiten nicht zu helfen war». Einblick in diese zerrissene Existenz geben im Heft 4 die Weggefährten Johannes Schläpfer, Hanspeter Spörri, René Sieber und Arnold Oertle.

Sieber blickt dabei seinerseits nochmals auf «Notstrom» zurück. Nie mehr später habe Morger so frei von Lesererwartungen oder Forderungen des Alltags geschrieben: «genialisch», aber unwiederholbar.

Peter Morger: Sichtung eines literarischen Werks, Hefte 3 und 4, hrsg. von Rainer Stöckli, Appenzeller Verlag Herisau, je Fr. 22.– Präsentation von Heft 4: morgen So, Lindensaal Heiden, 11 Uhr.

Peter Morger um 1980.

Peter Morger um 1980.