Architekturbiennale Venedig
Alain Berset: «Man kann uns in der Afghanistan-Frage sicher keine Gleichgültigkeit vorwerfen»

Der Schweizer Pavillon an der 17. Architekturbiennale thematisiert die Grenze als Schweizer Realität und Erfahrung. Gast in Venedig war am Donnerstag Bundesrat Alain Berset. Am Rande des Treffens sprach er über Afghanistan und die Folgen der Pandemie mit Blick auf die Schweiz.

Daniele Muscionico
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Alain Berset im Schweizer Pavillon in Venedig am 23.9.2021.

Alain Berset im Schweizer Pavillon in Venedig am 23.9.2021.

Samuele Cherubini

Sie erwähnten in Ihrer Ansprache, dass die Schweiz eine Renaissance der Grenzen erlebt hat. Was meinen Sie damit?

Alain Berset: Alle Länder, nicht nur die Schweiz haben sich am Anfang der Pandemie kurzfristig auf das Nationale zurückgezogen. Doch uns allen war klar, kein Land kann die Situation allein lösen. Die internationale Zusammenarbeit begann dann sehr schnell. Diese Renaissance der Grenzen war also nur von kurzer Dauer. Was unser Land betrifft hat Corona sicher den Blick für etwas Entscheidendes geschärft: Offenheit ist für die Schweiz zentral. Bei der ersten Welle schlossen wir vorübergehend teilweise unsere Grenzen, um die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen. Das gab uns Zeit.

Der Beitrag der Schweiz an der Architektur-Biennale, «Orae» hat mit Grenzanwohnern und Migranten die Bedeutung von Grenze auf ihr Leben untersucht. Was nehmen Sie davon mit aus Venedig?

Wenn man die Ausstellung besucht, versteht man, dass Grenzen auch Lebensraum und Orte der Begegnung sind. Die Grenze gehört in unserem Land zu Alltag. Jeden Tag überqueren mehr als 2 Millionen Menschen eine davon. Mit diesem besonderen Umstand müssen wir umgehen, heute vielleicht sogar vermehrt als in der Vergangenheit. In der Ausstellung hier in Venedig habe ich mir die Frage gestellt: Ist es nicht so, dass die Schweiz innerhalb Europas das ist, was das Méditerranée wortwörtlich ist? Ein verbindendes Land entre les Terres.

«Orae»: Schweizer Grenzerfahrungen in Venedig

Die Grenze als politisches und soziales Experiment

Die Kulturstiftung Pro Helvetia hat an der Architekturbiennale in Venedig eine Visitenkarte, die  überzeugt. «Orae» im Schweizer Pavillon, der Beitrag des Teams aus Genf und Lausanne -  Mounir Ayoub, Vanessa Lacaille, Fabrice Aragno und Pierre Szczepski - entstand als kollektive Arbeit mit Menschen, deren Lebensmittelpunkt eine der Landesgrenzen ist.

Anlässlich der Pavillon Days in Venedig zog die Ausstellung internationales Publikum aus Fachkreisen und Laien an. Zu sehen ist der Beitrag bis zum Ende der Biennale am 21. November. 

In Grenzfragen verfolgt die Landesregierung jedoch einen anderen Kurs. Mit Blick auf Krisengebiete wie Afghanistan jedenfalls. Ein Widerspruch?

Keinesfalls, wir sind uns bewusst, dass unser Land seit jeher von seiner Offenheit und vom Austausch mit seinen Nachbarn lebt. Es ist kein Zufall, dass wir dank unserer erfolgreichen Exportindustrie jeden zweiten Franken im Ausland verdienen.

Export von Gütern ist erwünscht, afghanische Flüchtlinge sind es nicht. Die Flüchtlingshilfe kritisiert den Bundesrat dafür, dass er nicht nur 280 sondern mindestens 10 000 Menschen aufnehmen sollte.

Ich verstehe die Debatte, sie ist wichtig. Doch wir können in dieser Frage nicht allein agieren, wir befinden uns im Austausch mit verschiedenen Ländern. Man kann uns sicher keine Gleichgültigkeit vorwerfen, der Bund hat Schritte getan und seine humanitäre Hilfe verstärkt. Die kommenden politischen Entscheide werden auf jeden Fall in enger internationaler Zusammenarbeitbeschlossen. Daran wird sich nichts ändern.

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