Architektur
Beim Flanieren durch das neue Kunsthaus in Zürich fragt man sich: Wie baut man ein Museum?

Noch bis Pfingstmontag kann das Publikum den leeren Neubau des Kunsthauses Zürich besichtigen. Den schönen Räumen sieht man nicht an, wie kompliziert ein solcher Bau ist.

Sabine Altorfer
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Klare Formen mit viel Licht und Ausblick: die Halle des Chipperfield-Neubaus in Zürich.

Klare Formen mit viel Licht und Ausblick: die Halle des Chipperfield-Neubaus in Zürich.

Christian Beutler/Keystone (Zürich, 10. Mai 2021)

Zwölf Jahre Arbeit und 206 Millionen Franken stecken im Neubau des Zürcher Kunsthauses. Gewaltig. Der Bau ist nun fertig, das Publikum kann ihn besichtigen (noch bis Pfingstmontag). Leer, aber mit der Klanginstallation von William Forsythe erfüllt. Dabei sieht man vor allem eins: perfekte Arbeit und grosszügige Räume. Die Halle gleicht in ihren Ausmassen einem Platz, die Treppe wirkt imposant, die Säle für die Sammlungen sind gut belichtet, Fenster bieten Ausblicke auf die Stadt. Die Anmutung des Baus verbindet strenge Form, festlich-opulente Materialität und repräsentative Grösse. Das ist sichtbar. Nur erahnen kann man dagegen, dass sich hinter den glatten, dicken Sichtbetonwänden, unter den Marmor- und Eichenböden und zwischen den Räumen immens viel Technik versteckt.

Beton, Marmor und Tageslicht prägen die Halle des neuen Kunsthauses.

Beton, Marmor und Tageslicht prägen die Halle des neuen Kunsthauses.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Als Besucherin fragt man sich: Was braucht es, um ein solches Museum zu bauen? Warum ist es so teuer? Und was ist bei einem Museum anders als bei einem Bürogebäude? Einer, der das wissen muss, ist Niels Hochuli. Er hatte beim Kunsthaus die Gesamtleitung Bau inne. Das heisst, er koordinierte und vernetzte die unzähligen Akteure.

Die Organisation ist ein kompliziertes Räderwerk

Bei unserem Onlinegespräch blendet er zur Illustration das Organigramm aller am Bau Beteiligten ein. Damit es auf dem Computerbildschirm überhaupt lesbar ist, muss er die einzelnen Bereiche aufzoomen. Da ist oben die Bauherrschaft: die Kunstgesellschaft, das Amt für Hochbauten der Stadt Zürich, das Kunsthaus mit je ihren Gremien und der übergeordneten Baukommission. Die Realisierung war zweigeteilt: Die Ausführungsplanung erfolgte unter der Gesamtleitung des Berliner Büro von David Chipperfield Architects und in Zusammenarbeit mit mehreren Fachplanern und Ingenieurbüros. Die Bauarbeiten unterstanden der Gesamtbauleitung, auch hier waren Dutzende von Bauleitern, Fachbauleitern, Baufirmen, Spezialisten und Lieferanten tätig.

Niels Hochuli.

Niels Hochuli.

zvg

Mitte 2017, zwei Jahre nach Baubeginn, wurde Hochuli als Gesamtleiter engagiert, er ist in der Mitte dieses Organisationsgeflechts eingezeichnet. «Die Gesamtleitung ist traditionell Bestandteil der Architektenleistung», sagt er, «wird aber bei grösseren Bauten mit komplexen Strukturen vermehrt an spezialisierte Firmen übertragen.» Er ist Architekt, hat sich in Betriebswirtschaft weitergebildet und seine Firma Dreicon AG ­gegründet, die unter anderem Gesamtleitungen übernimmt. «Einen Ausbildungslehrgang dafür gibt es nicht, das lernt man in der Praxis», erklärt Hochuli. Ist er denn Spezialist für Museumsbau? «Nein, aber vor der Gesamtleitung beim Hotel Dolder oder dem Flughafen Zürich hatte ich von einem Hotel- oder Flughafenbetrieb auch keine Erfahrung.» Spezifisches Wissen hätten die Planer und Bauleute, Dreicon sei geholt worden, um die Organisation und Zusammenarbeit im Planungsteam zu steuern und zu verbessern.

So viel zu den organisatorischen Hintergründen. Was macht aber den Bau des Kunsthauses so teuer? Hochuli stutzt, die Frage überrascht ihn offensichtlich. «Vor allem die Grösse. Die Kubikmeter gebauter Raum diktieren die Kosten», sagt er. Aufwendig bei einem Museum seien die hohen Anforderungen an die Technik. «Die Vorgaben an das Raumklima sind rigoros. Die Temperaturen von Räumen und Wänden sowie die Luftfeuchtigkeit müssen extrem konstant sein, egal wie das Wetter ist, egal wie viele Leute sich in den Räumen aufhalten.» Heizungen beziehungsweise Kühlungen sind nicht nur in den Böden, sondern auch in den Wänden verlegt. «Zudem wollte man keine Klimaanlagen nach amerikanischem Muster, die mit viel Energie riesige Luftmengen rein- und wieder rausblasen.»

Unsichtbares wird in den Plänen sichtbar

Schon der Grundriss zeigt, zwischen den Räumen und hinter den Wänden sind nicht nur Steigzonen, sondern ganze Nottreppenhäuser, technische Installationen und selbst ein grosser Warenlift versteckt.

Grundriss 2. Obergeschoss Kunsthaus Zürich. Rechts sind die Oberlichträume für die Bührle-Sammlung, in der Mitte die dreistöckige Halle und zwischen den einzelnen Sälen ist für das Publikum versteckt, Technik und Infrastruktur eingebaut.

Grundriss 2. Obergeschoss Kunsthaus Zürich. Rechts sind die Oberlichträume für die Bührle-Sammlung, in der Mitte die dreistöckige Halle und zwischen den einzelnen Sälen ist für das Publikum versteckt, Technik und Infrastruktur eingebaut.

Zvg / Aargauer Zeitung

Riesig, aber umweltbewusst gebaut

Das Kunsthaus ist nach dem Energiestandard der 2000­- Watt-Gesellschaft gebaut. Auch deshalb entwarf Chipperfield einen kompakten Gebäudekörper und man verwendete beispielsweise Recyclingbeton. Ein ganzes Feld mit Erdsonden liefert Energie für eine Wärmepumpe, Wände und Fenster sind bestens gedämmt, was an Dachfläche neben Oberlichtern und Aufbauten frei blieb, wurde mit Fotovoltaikpanels bestückt und konsequent werden LED-Lampen eingesetzt. Im Vergleich zu anderen neueren Museen könne man so die Treibhausgasemissionen um 75 Prozent reduzieren, heisst es im Baubeschrieb. «Die Anforderungen sind heute enorm», sagt Hochuli. Und fügt an:

«Eigentlich frage ich mich, wie ältere Museen den Anforderungen an die klimatischen Bedingungen in den Ausstellungsräumen noch gerecht werden können.»

Beinahe fünf Jahre wurde gebaut, gab es dabei böse Überraschungen? «Nein. Aber Aufreger und Probleme tauchten täglich auf», erklärt Hochuli. «Die musste man lösen.» Und die besten Erlebnisse für ihn? «Die Arbeit mit diesen tollen Menschen, die Teamarbeit, war mein Glücksmoment.» Ist es schwierig, mit einem internationalen Stararchitekten wie David Chipperfield zu arbeiten? Niels Hochuli verneint: «Das Team in Berlin ist angenehm und grossartig!» Chipperfield habe zudem die hohe handwerkliche Qualität in der Schweiz sehr ­geschätzt und sich gefreut, dass alles genauso umgesetzt werden konnte wie geplant – bis hin zum mehrfach gebogenen Messinghandlauf ohne Dellen.

Jedes Detail ist ausgestaltet. Bis hin zum Messinghandlauf.

Jedes Detail ist ausgestaltet. Bis hin zum Messinghandlauf.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Und zum Schluss nur noch dieses bereits etwas nostalgisch wirkende Bild.

Christoph Becker, links, Direktor Kunsthaus Zuerich, Corine Mauch, Mitte, Zuercher Stadtpraesidentin und Sir David Chipperfield, Architekt, rechts, bei der Grundsteinlegung der Erweiterung Kunsthaus Zuerich in Zuerich am Dienstag, 8. November 2016.

Christoph Becker, links, Direktor Kunsthaus Zuerich, Corine Mauch, Mitte, Zuercher Stadtpraesidentin und Sir David Chipperfield, Architekt, rechts, bei der Grundsteinlegung der Erweiterung Kunsthaus Zuerich in Zuerich am Dienstag, 8. November 2016.

Walter Bieri / KEYSTONE

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