Arbeit gegen das Vergessen

Mit Peter Esterházy hat Ungarn nicht nur eine moralische Instanz verloren. Der im Alter von 66 Jahren verstorbene Schriftsteller war auch ein Spötter zwischen Trauer und Ironie.

Wolf Scheller
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Peter Esterházy, 1950–2016. (Bild: epa)

Peter Esterházy, 1950–2016. (Bild: epa)

Auch nach 1989 suchten Ungarns herausragende literarische Protagonisten wie Imre Kertész oder György Kónrad ihre Themen immer wieder in gemeinsamen Grenzerfahrungen von Faschismus und Kommunismus, meistens aus der Perspektive professioneller Melancholiker. Peter Esterházy hingegen, konservativ und katholisch, war damals ein Vertreter der postmodernen Schriftstellergeneration, der vor allem wegen seiner Schalkhaftigkeit auffiel. Er trat gerne als Spötter, als eine Art Pendler zwischen Ironie und Trauer, vor sein Publikum.

Grandioses Geschichtsbuch

Seine frühen Romane und Erzählungen, in denen er sich oft in freche Grotesken flüchtete, reflektieren vielfach die Absurditäten des realsozialistischen Alltags. Gleichwohl verstand er sich auf das Kämpferische – und verkündete trotzig: «Das Mass ist nicht voll. Ich bin nicht tot.» Weltweit wurde Jahre später sein grosser Roman «Hermania Caelestis» (2001) gefeiert, eines der grandiosen poetischen Geschichtsbücher Mitteleuropas, das durch die Jahrhunderte die Chronik des Adelsgeschlechtes der Esterházy erzählt. Im Mittelpunkt des Romans, an dem der Autor zehn Jahre lang gearbeitet hatte, steht die Figur seines Vaters Matyas, eine alles und alle überragende Respektsperson, in der sich auf mehr als 900 Seiten die Geschichte Ungarns im kommunistischen Alltag nach dem Weltkrieg bündelt.

Eine ungeheuerliche Wahrheit

Peter Esterházy wurde jedenfalls mit Preisen überhäuft, aber die eigentliche Bewährungsprobe stand ihm noch bevor. Denn kaum hatte er das Manuskript der «Harmonia Caelestis» seinem Verlag abgeliefert, erfuhr er, dass sein «Vaterbild» dringende Korrekturen erforderte. Für den Sohn stürzte damals eine Welt zusammen angesichts dieser ungeheuerlichen Wahrheit: Der verehrte Vater war über Jahrzehnte ein akkurater Spitzel der kommunistischen Staatssicherheit gewesen. Wut, Schmerz, Verachtung – die erste verständliche Reaktion, denn der erste Satz der «Harmonia Caelestis» lautet: «Es ist elend schwer zu lügen, wenn man die Wahrheit nicht kennt.»

Für den Sohn wurde nach dieser Entdeckung zur Gewissheit, dass er sich aus dieser privaten, dann öffentlich gewordenen Katastrophe nur retten konnte, wenn er die schmerzhafte Erfahrung zum Werk formte. Das neue Material musste als eine Art Nachschrift aufgearbeitet werden, zu einer «Verbesserten Ausgabe». Auf keiner der 280 Seiten dieses neuen Buches sprach Esterházy seinen Vater frei. Er hatte sich damit der in manchen Ländern des ehemaligen Ostblocks grassierenden Krankheit einer allzu gnädigen Spitzelabsolution verweigert: «Ich arbeite gegen das Vergessen an. Ich will nicht, dass Papis Angelegenheit vergessen, sondern dass sie vermerkt wird. Ich will auch keine Verzeihung…»

Den Verrat musste er ablehnen

Für dieses janusköpfige Doppelwerk, das sowohl Anpassung als auch Resistenz unter den Bedingungen des ungarischen Gulaschkommunismus schildert, wurde Esterházy 2004 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Er musste diesen Verrat ablehnen, weil er an die Freiheit des Willens glaubte. So war ihm ein universales Verständnis der Menschenrechte zugewachsen, das der studierte Mathematiker und begnadete Fussballkenner auch in einer universalen Sprache auszudrücken versuchte. Sein Stil war der einer «postmodernen Ironie», die am katholischen wie am jüdischen Witz geschult schien. Manchmal, so sagte er, kämme er sich diese Geschichten einfach aus den Locken – wie etwa jene Anekdote, dass bei Kafkas Lesungen die Zuhörer sich vor Lachen gebogen hätten.

Mit Peter Esterházy hat Ungarn nicht nur eine moralische Instanz verloren. Er war auch ein Schalk, höflich, skeptisch, mit einem feinen Sinn für Spott.