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Appenzell – aufregend literarisch

Rainer Stöckli und Peter Surber graben nach literarischen Perlen. Im Oktober präsentieren sie die hiesige Literatur frisch – auf 600 Seiten in der Appenzeller Anthologie. Fundgrube ist dabei Stöcklis riesige Privatbibliothek.
Hansruedi Kugler
Literarische Fundgrube: Peter Surber (links) und Rainer Stöckli in der 30 000 Bände umfassenden Privatbibliothek von Rainer Stöckli. (Bild: Urs Bucher)

Literarische Fundgrube: Peter Surber (links) und Rainer Stöckli in der 30 000 Bände umfassenden Privatbibliothek von Rainer Stöckli. (Bild: Urs Bucher)

REUTE. Da bleibt einem Bücherfreund einen langen Moment die Luft weg. Vielleicht steht man hier in der umfassendsten Privatbibliothek mit Schweizer Literatur. Hier in Schachen bei Reute, fast schon im Rheintal, aber noch in Appenzell Ausserrhoden. Denn in Rainer Stöcklis zweigeschossigem Bücher-Schopf findet man jede Schweizer Neuerscheinung der letzten hundert Jahre. 30 000 Bücher seien es, sagt der pensionierte Kantilehrer. Und darunter selbstverständlich fast alles, was in beiden Appenzell je zwischen zwei Buchdeckeln veröffentlicht worden ist. «Ohne Rainer Stöcklis lebenslanges Sammeln von Büchern wäre unsere Appenzeller Anthologie undenkbar.» Das sagt Peter Surber, seit dreissig Jahren Kulturjournalist in der Region, ein Kenner der Gegenwartsliteratur und im Jahr 2011 Mitinitiant des Lesebuchs mit Appenzeller Literatur von 170 Autorinnen und Autoren seit 1900.

Simon Enzler und die Hebamme

Ohne Rainer Stöcklis Sammlung wäre zum Beispiel die Herisauerin Fanny Rohner vergessen, die auf den Kriegsausbruch 1914 mit Gedichten reagiert hat. Das vergilbte, schmale Bändchen steht wie unzählige andere auch in Stöcklis Bücherregalen. Ihre Gedichte sind nun in der Anthologie zu finden – neben Texten von ungleich bekannteren Namen wie Hermann Hesse und Martin Walser, Helen Meier und Dorothee Elmiger.

Dieses Nebeneinander zeigt den breiten Literaturbegriff der Anthologie: «Massgebend für die Auswahl war zunächst die literarische Qualität», sagt Rainer Stöckli. Man findet den Lyriker und Erzähler Peter Morger wie den Kabarettisten Simon Enzler. Platz hat es aber auch für einen Text des Bergsteigers Paul Etter, der von einer Klettertour berichtet oder für Berichte der Hebamme Ottilia Grubenmann. Hinzu kam unter dem Stichwort «Gedächtnispflege» eine Fülle von Texten, die zeitgeschichtlich spannend sind. Die von Arbeit, Kindheit und Rebellion, von Weggehen und Heimkommen berichten und so die Umwälzungen des 20. und 21. Jahrhunderts in der Region spiegeln. Oder literarische Besonderheiten dokumentieren, wie die in Innerrhoden verbreiteten Volkstheaterstücke – zum Beispiel über die in Appenzell 1849 hingerichtete Mörderin Anna Koch.

Mit Walser auf Sponsorensuche

Noch stehen Zettelkästen und Kartons, Zeugen der Vorarbeiten für die Anthologie, zwischen den Regalen. Peter Surber und Rainer Stöckli stehen vor den Bücherreihen und wägen ab, wie viele Verse eines Gedichts von Ivo Ledergerber Platz haben in der Anthologie. Letzte Entscheide müssen getroffen werden, in Kürze geht das Buch in Druck – nach fast fünf Jahren Arbeit.

Peter Surber und Rainer Stöckli haben den Plan für das Buchprojekt im Jahr 2011 in der Arbeitsgruppe Literatur, Theater, Tanz der Ausserrhodischen Kulturstiftung ausgeheckt. Eine Beispielmappe mit zwölf Texten machte den Anfang. «Klar musste da ein Text von Robert Walser dabei sein», sagt Stöckli. «Für die Sponsorensuche war entscheidend, dass zur Buch- auch eine Onlineversion der Anthologie entsteht.» Neben der Kulturstiftung, welche die finanzielle Hauptlast trägt, haben sich auch Innerrhoden und etliche private Stiftungen verpflichtet. Die zwei Initianten erweiterten die Redaktion mit dem Schriftsteller Peter Weber, der Literaturvermittlerin Eva Bachmann sowie den Kantonsbibliothekarinnen Doris Ueberschlag (Appenzell) und Heidi Eisenhut (Trogen). Die Autorenliste wuchs dank ihnen von 50 auf 170 Namen an.

Zehnmal direkt aus dem Leben

Ein wichtiger Entscheid fiel früh: Statt die Autoren chronologisch, nach Gattungen oder dem Alphabet nach aufzureihen, sind deren Texte zu zehn Themen gruppiert. Es sind Lebensabschnitte oder -bereiche und betitelt mit «Ankommen, Abhauen, Fremdgehen», «Heue, Schticke, Schröpfe» oder «Würfe, Krämpfe, Rebellionen». Innerhalb der Kapitel geht es kreuz und quer über die Jahrzehnte und durch das Land. «Was man so über diese lange Zeit alles erfährt, ist grandios», schwärmt Peter Surber.

In Romanauszügen, Lebensberichten, Gedichten, Karikaturen und in viel Mundartlichem wird man ein Jahrhundert knorriges und poetisches Appenzell erleben – frei von Brauchtumsklischees, verspricht Rainer Stöckli. Und Peter Surber ergänzt: «Unser Buch will das Appenzellerland als literarisch aufregendes Gelände zeigen – für eine möglichst breite Leserschaft.»

Die Texte werden auch online zugänglich sein: www.literaturland.ch Buchvernissage: Freitag, 28.10., im Zeughaus Teufen.

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