Apéro Riche oder wofür es sich zu streiken lohnt

Die Laienspieler des Theater Varain haben sich ein grosses Thema vorgenommen: Sie entwickelten ein Stück zum Landesstreik 1918. Statt Historisches nachzuerzählen, erkunden sie in persönlichen Szenen, was Streik heute bedeutet.

Julia Nehmiz
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Ein Jahr probten die 21 Darsteller an ihrem Stück «Apéro Riche». (Bild: Urs Bucher (Bühler, 16.10.2018))

Ein Jahr probten die 21 Darsteller an ihrem Stück «Apéro Riche». (Bild: Urs Bucher (Bühler, 16.10.2018))

Soll sie wirklich gehen? Den grossen Rucksack hat Hanni vorsorglich schon gepackt. Sie hat genug geputzt, gekocht, gesorgt, sich gekümmert. Um Mann, Kinder, Haus. Und der Ernst erzählt nur, nie hört er zu. Jetzt will sie ausbrechen. Doch wie geht das, abreisen? Wenn sie zurückkommt, dann hat sie viel zu erzählen, dann hört ihr Ernst sicher zu.

Es sind kleine Szenen wie diese, welche die Spielerinnen und Spieler des Vereins Theatervarain zu einem Bilderbogen zusammenführen. Mit Ernsthaftigkeit und Elan stürzen sie sich in die Endproben, allabendlich in der Lagerhalle der Goba Mineralquelle im ausserrhodischen Bühler. In einer Woche ist Premiere. Manche nahmen dafür extra Ferien. Und zwischen hallenhoch gestapelten Harasswänden entfaltet sich ihr «Apéro Riche».

Die Spieler erschufen ihre Figuren selber

Ihr Stück haben die 21 Laiendarsteller selber entwickelt. Vor einem Jahr begannen sie mit den Proben. Sie haben sich ein professionelles Produktionsteam geholt. Regisseurin Katja Langenbach inszeniert an den Theatern St. Gallen, Ulm, Magdeburg, Sogar Theater Zürich, als Hörspielregisseurin beim Bayerischen Rundfunk. Jetzt arbeitet sie zum ersten Mal mit Laien.

"Zämmehebe, zämmestoh": in ihrem Stück erkunden die Laienspieler, was Streik heute bedeutet, nicht als Arbeitskampf, sondern im Alltag. (Bild: Urs Bucher/TAGB)

"Zämmehebe, zämmestoh": in ihrem Stück erkunden die Laienspieler, was Streik heute bedeutet, nicht als Arbeitskampf, sondern im Alltag. (Bild: Urs Bucher/TAGB)

«Das war aufschlussreich», sagt sie. Anstrengend auch, aber hochspannend. Langenbach gefällt, dass sie mit den Vereinsschauspielern zu den Basics zurückkehrt. Sie gibt Stimmtraining, macht Aufwärmtraining, vermittelt Grundlagen zu Körper und Raum. Und lässt die Darsteller viel improvisieren.

«Es war ein kreativer Prozess, 21 Leute kennen zu lernen.»

Und auch die Sprache kennen zu lernen. Langenbach wohnt zwar seit einigen Jahren in St. Gallen, doch mit den Appenzeller Dialekten hatte sie bislang wenig zu tun.

Deswegen holte sie die Ausserrhoder-St. Galler Autorin Rebecca C. Schnyder dazu. Langenbach erarbeitete viel Material mit ihren Spielern, Schnyder schrieb auf Proben mit, filterte die Figurensprache heraus, sichtete mit Langenbach das Material, verdichtete es zu einem Stück.

«Die Darstellerinnen und Darsteller haben ihre Figuren selber erschaffen», sagt Katja Langenbach. Das war wichtig, denn anfangs fremdelten viele mit dem Thema des Stücks. Das hatte sich der Theaterverein selber gesetzt: Landesstreik 1918. Der Verein wollte beim grossen Projekt in Olten mitmachen, dort zeigten Laiengruppen aus jedem Kanton eine fünfminütige Szene zum Landesstreik.

Zwei Mädchen streiken beim Abendessen

«Wir hatten uns gedacht, wir betreiben nicht einen so grossen Aufwand nur für fünf Minuten, wir machen dann gleich ein ganzes Stück dazu», sagt Fabiana Troy. Es sei eh an der Zeit gewesen, ein neues, abendfüllendes Projekt zu erarbeiten. Die 25-jährige Architekturstudentin spielt zum ersten Mal Theater, und amtet im Vereinsvorstand.

Die Harasse in den Lagerhallen der Goba in Bühler wurden ins Stück eingebaut und kreativ umfunktioniert. (Bild: Urs Bucher/Tagblatt)

Die Harasse in den Lagerhallen der Goba in Bühler wurden ins Stück eingebaut und kreativ umfunktioniert. (Bild: Urs Bucher/Tagblatt)

Theater Varain entstand aus dem Festspiel Hundwil, mit dem 2013 die beiden Appenzell das 500-Jahr-Jubiläum des Beitritts zur Eidgenossenschaft feierten. 180 Inner- und Ausserrhoder wirkten damals mit. Etliche wollten danach weiterspielen und gründeten das Theater Varain. Ihr Ziel: Theaterprojekte an Nicht-Theater-Orten. «Apéro Riche» ist die zweite Produktion. Mit der sich anfangs viele schwertaten. «Der Landesstreik war mir fremd», sagt Sam Neff. Was soll man dazu spielen?

Mit Katja Langenbach erkundeten sie, was Streik heute bedeutet, nicht als Arbeitskampf, sondern im Alltag. Wofür setzt man sich ein? Wann sagt man Nein? So streiken im Stück zwei Mädchen beim Abendessen (Guezli statt Rüebli), Hanni streikt bei der Hausarbeit, der Sohn streikt bei der Lehrstellensuche. Die Spielerinnen und Spieler, vom Primarschul- bis Pensionsalter, zeigen einen spannenden, persönlichen Bilderbogen.

Premiere «Apéro Riche» 25.10.2018, Goba Bühler; Vorstellungen bis 17.11.2018, Infos unter theater-varain.ch