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Anne-Marie Blancs letzte Mission im Jura

Die Kinder und Kindeskinder der 2009 verstorbenen Anne-Marie Blanc feiern den
2. September, der ihr 100. Geburtstag gewesen wäre, im Hotel de la Petite Gilberte. Passend, da dort auch die Wiege der filmischen Landesmutter stand.
Roland Schäfli
Anne-Marie Blanc in ihrer legendären Rolle als Gilberte de Courgenay (1941). (Bild: Cinémathèque Suisse)

Anne-Marie Blanc in ihrer legendären Rolle als Gilberte de Courgenay (1941). (Bild: Cinémathèque Suisse)

Dass die Grossfamilie Fueter quasi in Anne-Marie Blancs «Filmset» feiern kann, ist nicht selbstverständlich. Noch vor einiger Zeit war die Zukunft der historischen Örtlichkeit keineswegs gesichert. Als die Grande Dame des Schweizer Films 2009 verstarb, titelte Swissinfo: «Gilberte de Courgenay ist tot.» Was posthum nochmals die Verschmelzung von Filmschauspielerin mit historischer Figur unterstrich. Dass die Legende der jurassischen Wirtstochter dagegen gerade auflebt, zeigt ein Besuch an ihrem Wirkungsort.

Das ehemalige «Hotel de la poste» heisst heute «Hotel de la petite Gilberte». (Bild: Roland Schäfli)

Das ehemalige «Hotel de la poste» heisst heute «Hotel de la petite Gilberte». (Bild: Roland Schäfli)

Das Haus steht, wie jeder weiss, der den Film gesehen hat, vis-à-vis vom Bahnhof Courgenay. Neu ist die Adresse: Rue de Petite-Gilberte. Und auch das Gebäude selbst lautet nicht mehr auf den schlichten Namen Hotel de la Gare. Seit der letzten Übernahme ist es das Hotel de la Petite Gilberte. Es scheint, dass dem verschlafenen Dorf im Jura die Bedeutung nachträglich bewusst wurde. Bis heute finden wehmütige Wehrmänner hierher zurück. Denn Courgenay war Manöverort, lange nach Gilbertes Einsatz im Ersten Weltkrieg. Im Speisesaal, ausgiebig dekoriert mit zeitgenössischen Fotos (selbst das Tischset zeigt ihr Bild), äussern Besucher oft, «hier hat mein Grossvater noch Dienst gemacht».

Das Hotel schmückt sich gerne mit der legendären Namensgeberin. (Bild: Roland Schäfli)

Das Hotel schmückt sich gerne mit der legendären Namensgeberin. (Bild: Roland Schäfli)

Gilberte war keine fiktive Figur

Öfter aber treten Besucher auf Spurensuche nach Anne-Marie Blanc über die Schwelle. Man erkennt sie an ihrem suchenden Blick. Wo ist die Treppe, über die die jugendliche Hauptdarstellerin herabschwebte? Wo die Sitzecke, in der die Fleischplatte von den Publikumslieblingen Zarli Carigiet und Heinrich Gretler verdrückt wurde (die Max Frisch in einem angriffigen Artikel «eine Gruppe von Gemütsmotoren, von einem unverantwortlichen Zeughaus eingekleidet» nannte). Alles sieht irgendwie anders aus – weil das Interieur in der 20 × 11 Meter grossen Studiohalle im damaligen Zürcher Atelier Rosenhof aufgebaut war. Mehr als einen Touristen hat Evelyne Berlusconi darüber aufgeklärt, dass Gilberte keine fiktive Figur war, sondern der Film auf ihrer wahren Geschichte beruhte.

Mit Condorfilm zur Familiendynastie

Dass historische Aufnahmen die Szenenbilder ablösten, kann Martin Fueter nur begrüssen. «Es ist ja so, dass die echte Gilberte heute weniger bekannt ist als Maman.» Vor zwei Jahren kehrte der Sohn von Anne-Marie Blanc dort ungeplant ein. Beim Treffen mit den neuen Betreibern kam schnell der Wunsch auf, das regelmässige Familientreffen im 100. Geburtsjahr, das gleichzeitig ihr zehntes Todesjahr markiert, in Courgenay stattfinden zu lassen. «Der Familienclan hält zusammen», stellt der Filmregisseur im Ruhestand zufrieden fest. Die Zusammenkunft setzt sich – bei dieser DNA nicht verwunderlich – aus mehreren Filmschaffenden zusammen.

Mit der 1947 gegründeten Condorfilm prägten die Fueters jahrzehntelang das Filmschaffen. Es war aber stets der Streifen mit Anne-Marie Blanc, der den Filmschaffenden ein Vorbild war. Für den Geburtstag hat Martin Fueter eine Stunde Ausschnitte zusammengesetzt, «die viele der Jungen noch gar nie gesehen haben». Und natürlich werde man im Saal, in Nostalgie vereint, auch das Lied der Gilberte schmettern, verspricht er.

Die reale Gilberte überwindet den Röstigraben

In ebendiesem Speisesaal trugen die Soldaten der verehrten Wirtstochter das selbst komponierte Lied vor – emotionaler Höhepunkt auch im Film. Noten und Text gelangten in die Hände des «Soldatensängers» Hanns in der Gand, der es verbreitete. Das zweisprachige Lied begründete den Mythos, der Film zementierte ihn. Galt Gilberte als Symbolfigur der Willensnation im Ersten, so wurde Anne-Marie Blanc dann ihre Lichtgestalt im Zweiten Weltkrieg. Sie brachte dafür eine wichtige Gemeinsamkeit mit: Sie hatte in beiden Landesteilen gelebt (war am 2. September 1919 in Vevey geboren) und war beider Sprachen mächtig. Das war die herausragende Eigenschaft der Gilberte Montavon. Sie hatte ein Hauswirtschaftsjahr in der Deutschschweiz absolviert, sprach Deutsch. Und fand so in schweren Zeiten die richtigen Worte. Überbrückte als Vermittlerin zwischen Zivilisten und Militär den Röstigraben.

Trotz Vereinigung kommt es 2015 zum Konkurs

In Anbetracht der historischen Bedeutung wundert es, wie oft das identitätsstiftende Haus schon vor der Schliessung stand. Wenn die Zukunft infrage stand, wurde Anne-Marie Blanc um Beistand angefragt. Frühere Besitzer liessen es verlottern, jahrelang stand es leer, wurde zum Pfand von Gläubigern. Dabei hatte sich schon vor 40 Jahren eine Vereinigung zum Kauf gebildet. Weitere zehn Jahre gingen ins Land, bis sich eine Stiftung gebildet hatte, die das Gebäude renovierte. 2015 kam es zum Konkurs.

Zufällig vernahm das Anwaltsehepaar Bernasconi aus dem aargauischen Killwangen von der Zwangsversteigerung, blätterte 930 000 Franken auf den Tisch. Dabei hatten sie keinen Plan für die Immobilie. «Es war für uns nicht ein Objekt, mit dem Geld zu verdienen ist», sagt Evelyne Bernasconi, «sondern eine Mission.» Mal liegen alle sieben Zimmerschlüssel unbenutzt an der Réception. Für grössere Gruppen wie jetzt die Familie Fueter ist es zu klein. Der Besuch ist eine «Zeitreise», wie die neue Broschüre verspricht. Um die Atmosphäre wiederherzustellen, ersetzten sie Anachronismen aus Plastik durch antike Möbel, die latent reparaturbedürftig sind. In Zimmer 2 steht Gilbertes Jugendbett. Selbst ihr Ehebett konnten die Bernasconis aus dem Familiennachlass erwerben, es hatte den Weg von ihrem späteren Zuhause in Zürich in einen Keller im Jura gefunden.

«The Show must go on», sagt Anne-Marie Blancs Sohn Martin Fueter

Dass die Familie die Mission übernimmt, die Geschichte am Leben zu erhalten, rührt Martin Fueter. «The Show must go on», sagt er, ganz Kind der Filmdynastie. Dass jüngere Generationen den Mythos der Kellnerin, die Soldatenidol wurde, neu entdecken, davon ist Evelyne Bernasconi überzeugt. Als sie zum ersten Mal Gilbertes Grab auf dem Zürcher Friedhof Nordheim aufsuchte, spielte ein junger Gärtner ihr von seinem Handy das Gilberte-Lied ab – er und seine Kameraden hatten es eben in der Offiziersschule gesungen.

«Gilberte de Courgenay» beschwörte die Einheit des Landes

Die Uraufführung des Films «Gilberte de Courgenay» war am 17. April 1941 – nicht im Jura, sondern in Zürich. Die Schweizer konnten von seinem Patriotismus gar nicht genug bekommen. Wie nie zuvor – und wohl auch nie mehr danach – stand in den Kriegsjahren das Schweizer Filmschaffen in voller Blüte. Der Bund hatte ein fast so grosses Interesse an der Versorgung des Volks mit Filmen wie mit Kartoffeln. Es ging um geistige Ernährung. Schon am 13. Juli 1937 hatte der Bundesrat eine Botschaft an die Bundesversammlung gerichtet, über die Schaffung einer Schweizerischen Filmkammer, und darin die Bedeutung der «suggestiven Kraft» des Mediums für die Meinungsbildung unterstrichen. Der «Abwehrfilm» sollte sich in den Dienst der Sache stellen, als Werbefilm für den Wehrwillen dienen.

Die «Gilberte» war nach dem ungemein erfolgreichen «Füsilier Wipf» (es hiess, fast jeder Schweizer habe ihn gesehen) ebenfalls ein Armeefilm, wenn auch diesmal eine Frau im Zentrum stand. Wiederum sollte die Grenzbesetzung 1914–18 der jetzigen Aktivdienstgeneration zum Vorbild gereichen, indem die aktuellen Umstände – sie schienen austauschbar – einfach ausgeblendet wurden. Und wie schon im «Wipf» wird die Gemeinschaft der Soldaten als Ersatzfamilie dargestellt, die fern der Heimat noch gemeinsam Weihnachten feiert. Als Instrument der Propaganda spricht Gilberte einem Soldaten ins Gewissen, der nicht wie die Kameraden seinen Wachtdienst versehen will. Mehr als der Film-Füsilier demonstrierte die Wirtstochter die Einheit der Schweiz, indem sie die Sprachregionen überbrückte.

Im Handlungsmittelpunkt stand nicht die Abwehr des auswärtigen Feinds (der gar nicht auftritt), sondern die Überwindung schweizerischer Gegensätze. Sie fordert Durchhalten mit welschem Akzent, «bis Fride-n-isch», was aufrichtig klingt. Was bei der Verehrung von Courgenay als Drehort gern vergessen geht: Franz Schnyder filmte alle Aussenaufnahmen mit Militär in Lignière, oberhalb des Bielersees. Am Handlungsort selbst waren nur Bahnhofplatz und katholische Kirche Drehkulisse. Als die Verfilmung in Zürich anlief, war Gilberte möglicherweise unter den Besuchern. Sie lebte damals schon nicht mehr im Jura, war nach Zürich gezogen, wo sie 1957 an Krebs verstarb. (rs)

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