Annas Mut zum Risiko

Um sich inspirieren zu lassen und ihr neues Album einzuspielen, machte sich Anna Rossinelli in die USA auf. Mit ihren musikalischen Begleitern hat sie dabei gelernt, einfach mal loszulegen.

Michael Gasser
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Mehr Sehnsucht, mehr Lockerheit: Anna Rossinelli reiste für drei Monate in die USA, um sich als Sängerin weiterzuentwickeln. (Bild: Universal)

Mehr Sehnsucht, mehr Lockerheit: Anna Rossinelli reiste für drei Monate in die USA, um sich als Sängerin weiterzuentwickeln. (Bild: Universal)

«Zwei Tage lang war ich perplex», erinnert sich Anna Rossinelli. Ihre ein halbes Jahr zurückliegende Crowdfunding-Kampagne, mit der sie und ihre Band 50 000 Franken für einen kreativen USA-Aufenthalt generierten, führte zu einer wahren Flut an Negativreaktionen. Damit hatte sie nicht gerechnet. «Viele Leute fühlten sich durch das Projekt angegriffen», sagt die Baslerin. Weil sie dem Eindruck unterlagen, Rossinelli und Co. würden ohnehin schon mehr als genug Geld verdienen.

Nicht in Saus und Braus

«Doch wir leben alles andere als in Saus und Braus», betont Bassist Georg Dillier. Denn obschon die drei mit dem Album «Marylou» (2013) die Spitze der Schweizer Charts erreichten, gelte es aktuell, den Gürtel eng zu schnallen. «Es ist höchste Zeit, wieder ein paar Einnahmen zu erzielen», sagt Dillier. Schliesslich hat der dreimonatige Aufenthalt in den USA, in dessen Mittelpunkt die künstlerische Weiterentwicklung und der Austausch mit anderen Musikern standen, trotz erfolgreichem Crowdfunding nicht nur viel Schweiss, Anstrengung und Zeit, sondern auch sehr viel eigenes Kapital gekostet.

«New York bleibt Lieblingsstadt»

In den Vereinigten Staaten habe man vor allem gelernt, nicht immer alles zu hinterfragen. «Da zählt es zum guten Ton, einfach mal loszulegen und Risikobereitschaft zu zeigen», schwärmt Gitarrist Manuel Meisel. Das Trio, das bei seinem Trip quer durch das Land von Filmemacher Milan Büttner und Tontechniker Florens Meury begleitet wurde, zeigte sich nicht zuletzt von Los Angeles sehr angetan. Dort absolvierte es mehrere Jam-Sessions, frönte der Strassenmusik und genoss diverse Begegnungen, etwa mit Nick Milo, dem ehemaligen musikalischen Leiter von Joe Cocker. «Unsere Lieblingsstadt ist und bleibt jedoch New York», sind sich Anna Rossinelli und ihr Lebenspartner Georg Dillier einig.

Zwölf Stunden ohne Tageslicht

In der Metropole an der Ostküste fand das neue Album, «Takes Two To Tango» denn auch zu seiner Vollendung. Zwar habe man immer wieder Zeit verloren, weil das Studio über die Nacht häufig an andere Künstlerinnen und Künstler vermietet wurde und am darauffolgenden Morgen alle Regler verstellt waren. Doch: «Die bis zu zwölf Stunden, die wir tagtäglich im kleinen und fensterlosen Aufnahmeraum im 20. Stockwerk über der Wall Street verbracht haben, waren Gold wert.» Auch, weil die in der Schweiz angedachten Songs, die auf der Reise mit fremder Hilfe und in Form von Gospelchor, Steelgitarre oder Mundharmonika angereichert wurden, zusehends reiften.

«Wir haben versucht, den unterwegs erlebten Groove einfliessen zu lassen, wollten uns in erster Linie aber mit einem Gefühl der Sehnsucht an die sehr persönlichen Kompositionen machen», erklärt Dillier. Das hatte Auswirkungen: Wer sich durch die Lieder hört, bekommt eine neue Erdigkeit und dafür etwas weniger Poppigkeit zu spüren. Während das leicht verruchte «Bang Bang Bang» mit ebenso luftigem wie zerbrechlichem Arrangement aufwartet, setzt «Speechless» auf dramatische Momente. Und «Forever Young» entpuppt sich als Ballade, bei der es Rossinellis Stimme gelingt, sich zart und herb zugleich zu geben. Die Formation sucht nicht mehr nach der Eingängigkeit, findet sie aber trotzdem. Statt wie bis dato nur freundlich zu klingen, schürft man jetzt einiges tiefer. Das zahlt sich aus. Mit Musik, die unaufgeregt schillert und frei und offen genug ist, um den einen oder anderen Club-Beat zuzulassen.

Mit Wodka feiern

Angesprochen auf ihre Teilnahme am Eurovision Song Contest 2011, sagt die 28jährige Rossinelli: «Der Auftritt hat unseren Bekanntheitsgrad enorm gesteigert. So sehr, dass ich das Gefühl hatte, fast eine öffentliche Person zu sein.» Gelohnt habe sich dieser Kraftakt auf jeden Fall. «Schliesslich hatten wir dadurch die Gelegenheit, vor 40 000 Leuten aufzutreten.»

Tempi passati, jetzt steht anderes im Vordergrund: die Veröffentlichung des dritten Albums. Heute ist es so weit, sie habe dem Tag nervös entgegengefiebert, sagt Rossinelli. Doch nun wird schnell alle Last von den Schultern fallen, es wird gefeiert. «Wir werden uns einen Abend lang Wodka ins Gesicht kippen.»

Anna Rossinelli: «Takes Two To Tango», Universal. Ab heute im Handel.