Bühne
Dieser Hüftschwung schafft Identität und - Anna Wintour tanzt mit, oder doch fast

Der Tänzer und Choreograf Trajal Harrell feiert im Zürcher Schiffbau eine grosse Modeschau: «Monkey off My Back or the Cat’s Meow» verbindet Pose und Pathos einer gespaltenen Gesellschaft.

Valeria Heintges
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Schauspielerin Alicia Aumüller im Outfit des Choreografen und Ausstatters Trajal Harrell.

Schauspielerin Alicia Aumüller im Outfit des Choreografen und Ausstatters Trajal Harrell.

Orpheas Emirzas

«Hallo, mein Name ist Anna Wintour», sagt Trajal Harrell. Er habe sie eingeladen, auf seiner nächsten Show zu tanzen. Aber sie sei doch gar keine Tänzerin, habe die «Vogue»-Chefredakteurin Anna Wintour da gesagt. Aber wenn sie ein lebendiger Mensch sei, dann gelte auch für sie: «If you live, you sometimes have to dance.»

Die Leichtigkeit, ein Model zu sein

Für Trajal Harrell verwandelt sich die «Vogue»- Ikone augenzwinkernd in die Mutter seines Tanzstils, der schon im Namen Voguing auf die Welt der Laufstege anspielt. Wie scheinbar leicht es sich lernen lässt, mit Mannequin-Hüftschwung über die Bühne zu staksen – auch das zeigt Trajal Harrell in «Monkey off My Back or the Cat’s Meow» in der Zürcher Schiffbau-Halle. Hier sind nicht nur dünne, weisse Models zu sehen, sondern alle Körperformen und -farben. Es treten Harrells Haustänzer auf und Ensemble-Schauspieler. Und es scheint, als mache es allen, Harrell mischt zuweilen selbst mit, Spass, den glattgebügelten Modebegriff in allen Belangen zu hinterfragen.

Harrell stiftet dabei als sein eigener Ausstatter die Kostüm- und Requisitenabteilung zu Höchstleistungen an. Fast jedes Kleid ist eine Augenweide. Unter dem Titel «Nichts für Herzkranke» schlängelt sich den Models, Pardon: dem Ensemble sogar eine Vielzahl von Unterwasser-Ungeheuern um den Hals. So jedenfalls sehen sie aus, die dreidimensional, pilzartig wuchernden Stoffgebilde, die als das gewisse Etwas an den Hals liege.

Aber auch wenn ohne Unterlass Mannequins die riesige Bühne abschreiten und die Zuschauer auf zwei Tribünen wie vor einem Catwalk sitzen (Bühne: Harrell und Erik Flatmo), so ist die Modeschau nur ein Teil des Abends. Ebenso geht es um Stilisierung, Überhöhung und Vereinzelung: Das zeigt sich in Harrells anderem Tanzliebling: dem japanischen Butoh Z. Die Darstellenden stellen sich quer zur fliessenden «Vogue»-Bewegung, wenn sie sich in ihren Armen verbergen, die Körper bewegen, als wäre der Muskeltonus bis zur Verkrampfung erhöht. Verletzlich wirkt das, als brächen Alter und Krankheit in die Poserei hinein.

Offen liegt der Schmerz der Black- und der LGBTQ+-Community zwischen und über all der Schönheit. Im zweiten Teil etwa peitscht der Text der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung brutal durch den Raum. Dazu gruppieren sich die Akteure zu Duetten, aber mit meterweise Platz dazwischen lassen alles wie eine Parodie auf Hoftänze wirken.

Kritik an der amerikanischen Demokratie

Wenn die Sätze immer weiter peitschen, die Darstellenden immer wilder tanzen, beschreibt das den maladen Zustand der (amerikanischen) Demokratie deutlich. Es stand ja ohnehin auf den Plastikhüllen, in die sich manche Models gewickelt haben:. «The king is naked. Shout out aloud.» Die Musik von Harrell und Asma Maroof zieht eine weitere Ebene ein. Steve Reichs «Come Out» etwa, das die Worte «Come out and show him» aneinanderreiht, ist ein Aufschrei gegen Rassismus: Die Worte sagte ein Verletzter in den Harlem Riots 1964.

Man muss das wissen, um die Szene in Gänze zu erfassen. Aber in der Weite des Bühnenraums erfasst ohnehin niemand alle Details, ist man oft auch zu eigenen Assoziationen aufgefordert. Der Abend ist schillernd, kraftvoll und spannend. Man darüber hinwegsehen, dass sich manche Szenen etwas in die Länge ziehen.

«Monkey off My Back or the Cat’s Meow», im Zürcher Schiffbau bis auf weiteres.

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