Für den Schweizer Buchpreis nominiert: Anna Stern erforscht Kindheitsmuster

Was macht der Tod eines Sandkastenfreundes mit jungen Erwachsenen? Anna Stern analysiert das als literarische Forscherin in ihrem neuen Roman «das alles hier, jetzt.» eigenwillig und sprachlich gewagt.

Tina Uhlmann
Drucken
Teilen
Anna Stern ist Schriftstellerin und Wissenschafterin.

Anna Stern ist Schriftstellerin und Wissenschafterin.

Bild: Thomas Hary (Zürich, 16. Januar 2019)

Seit Anna Stern mit ihrem Erstling «Schneestill» 2014 an die Öffentlichkeit getreten ist, sucht sie ihren Stil jenseits der literarischen Konvention. Im Krimi «Der Gutachter» (2015) floss exakt formuliert viel naturwissenschaftliches Wissen ein – die Autorin studierte an der ETH Zürich Umweltwissenschaften und erforscht derzeit die Resistenz von Antibiotika im Rahmen ihrer Masterarbeit. Im Roman «Wild wie die Wellen des Meeres» setzte sie auf eine verdichtete, minimalistische Sprache, wobei die Länge des Textes dem Streben nach Reduktion widerspricht. Im neuen Roman nun nimmt sie den lyrisch-rhythmischen, fragmentarischen Stil wieder auf, den sie im Erzählband «Beim Auftauchen der Himmel» (2019) schon ausprobiert hat.

Erfolgreiche 30-Jährige

Ein interessantes und auch umfangmässig beachtliches Schaffen für eine 30-jährige! Ganz klar schreibt sie nicht für ein Massenpublikum, sondern zeigt sich auch literarisch als Forscherin, die mehr an neuen Fragestellungen interessiert ist als an bereits vorhandenen Antworten. Anders gesagt: Anna Stern setzt nicht auf markterprobte Erfolgsrezepte – und hat im Literaturbetrieb Erfolg damit. 2018 wurde sie an den «Tagen der deutschsprachigen Literatur» in Klagenfurt mit dem 3Sat-Preis ausgezeichnet. Nun ist sie am Dienstag mit dem Roman «das alles hier, jetzt.» für den Schweizer Buchpreis 2020 nominiert.

Globalisiert, aber nicht verortbar

Erzählt wird in «das alles hier, jetzt.» nicht alles. Im Gegenteil: Wer den Roman liest, der in meist kurzen Fragmenten das Überwinden eines Verlusts beschreibt, erfährt darüber hinaus fast nichts, was beim Einordnen hilft. Spielt die Geschichte in den USA, wie die anglophilen Fantasienamen (Swann, Roan, Ash) oder Zitate von Paul Auster, Susan Sontag und Elvis Presley nahelegen? Was machen dann die Helvetismen im Text? Und erst die Germanismen, die wirken, als schiele die junge Schweizer Autorin immer wieder rüber zum grossen Nachbarn, EU-konform zur Anpassung bereit, auch sprachlich?

Vielleicht ist Anna Stern, mit bürgerlichem Namen Bischofberger, aus Rorschach stammend, bei aller Eigenwilligkeit doch auch eine typische Vertreterin ihrer Generation: noch nicht Digital Native, aber schon losgelöst vom analogen Leben der Eltern, globalisiert heimatlos, mehr in virtuellen als in realen Landschaften unterwegs, verortet nur im eigenen Kopf.

Verwirrende Namen Zweigeteilte Form

Ichor, Eden, Vienna, Cato, Ananke: Fünf Freunde seit Kindertagen, ob Jungs oder Mädchen, ist und bleibt unklar. Sie haben einander diese Namen gegeben, auch ihren jüngeren Geschwistern, das jüngste heisst Egg, als ob es noch im Bauch der Mutter sässe. Überhaupt taucht man mit Ichors Kindheitserinnerungen tief ein in den Schoss einer Grossfamilie, die eigentlich aus zwei Familien besteht – so, wie die Zwillinge Ichor und Eden zwei Menschen sind und doch nicht ganz voneinander zu trennen. Alle Kinder dieser symbiotischen Lebensgemeinschaft gehen im «Wir» auf.

Heranwachsend zu Teenagern haben sie erste Konflikte untereinander zu bewältigen. Noch ein paar Jahre später, während der Ausbildungszeit an der Schwelle zum Erwachsensein, setzt der Roman ein.

Ichors Erinnerungen sind jeweils auf der rechten Buchseite in grauer Schrift gesetzt, während sich auf der linken in Schwarz die Gegenwart abspielt. Beides erzählt Ichor nicht in Ich-Form, sondern konsequent in rhetorischer Du-Form. «du gehst auf eden zu und sagst, eden, und ihr bleibt stehen, zwei teile eines ganzen, spiegel im spiegel, und du sagst es, du sagst es das erste mal laut: ananke ist tot. dein atem als wolke, die sich im schwarz auflöst.»

Abschied und Sehnsucht

Unschwer erkennt man am Schluss des Romans zwar die Alpen, über die Ichor, Eden, Vienna und Cato mit Anankes Asche ans Meer fahren, doch es ist nicht wichtig, welche Berge das sind, welches Meer. Dieser Trip im halbwegs geklauten Mercedes-Oldtimer ist vielmehr ein Versuch, aus dem langen Schatten von Anankes Tod zu treten.

Dass der Abschied von ihm auch heisst, von der Gruppe Abschied zu nehmen, aus der Ananke bereits vor dem Tod ausgebrochen ist, bleibt eine Vermutung. Doch schon setzt die Sehnsucht ein, nach jenen Kindertagen, dem verlorenen Paradies: «ihr kauert am strand im sand, ihr seid auf muschelsuche. (...) du hast hunger und durst, doch du willst nicht weg, nicht jetzt, es ist alles so: die fäden der zeit perfekt verwebt, nichts soll das gewebe zerreissen.»

Anna Stern: das alles hier, jetzt. Roman. Salis Verlag, 240 Seiten.
Buchvernissage Zürich: 21.9., 19.30 Uhr,
Literaturhaus Buchvernissage Rorschach: 22.9., 19 Uhr, Treppenhaus