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Animationsfilmfestival Fantoche folgt Migrationsströmen von gestern und heute

Der Themenblock «Schuhe, Hemd und 100 Lire» am Animationsfilmfestival Fantoche lässt an den Gedanken von Migranten teilhaben. Und offenbart so manche verrückte Reisesehnsucht.
Julia Stephan
Die Zeitschriftenverkäuferin in Anete Meleces Film «The Kiosk» macht ihren Traum von der Südsee wahr. (Bild: Anete Melece/Fantoche)

Die Zeitschriftenverkäuferin in Anete Meleces Film «The Kiosk» macht ihren Traum von der Südsee wahr. (Bild: Anete Melece/Fantoche)

Sie gehen, weil die Sehnsucht so fest an ihnen zerrt. Sie gehen, weil ihnen die Umstände keine Wahl lassen. Oder sie bleiben, und träumen sich im Kopf woanders hin. Das Animationsfilmfestival Fantoche zeigt rund zwanzig Animationsfilme zum Thema Migration. Der Grundton der Filme ist meist so bitter wie die italienische Volksweise «Mamma Mia, Dammi 100 Lire», die dem Programm den Namen gibt. Ein Mädchen bittet seine Mutter darin um Geld für die Reise nach Amerika, und erleidet mit ihrer Sehnsucht im wahrsten Wortsinn Schiffbruch und stirbt.

Leben in der Illegalität

Die Einsamkeit, ja Vereinzelung migrierter Menschen, ist in diesem von Annegret Richter kuratierten Programm omnipräsent. Im Film «Hidden» von Hanna Heilborn und David Aronowitsch wird unter der Maskerade der Animationsfilmtechnik ein illegal in Stockholm lebender peruanischer Junge porträtiert, der sich nicht traut, Freunde zu finden, weil jede Preisgabe seiner selbst auch seine Ausreise bedeuten könnte. In «Zug nach Peace» sinniert ein Iraker in einer Berliner U-Bahn unter dem feindlichen Blick von Passanten über die Vergangenheit seines Landes. Die Tunnelfahrt evoziert dunkle Erinnerungsstücke seiner Biografie. Für sich und sein Land sieht er dennoch das Licht am Ende des Tunnels.

Der mit dem Schweizer Animationsfilmpreis ausgezeichnete Film «Airport» der Ostschweizerin Michaela Müller kondensiert das Hintergrundrauschen internationaler Flughäfen in packende zehn Minuten. Die Kamera taumelt besoffen durch die Abflughalle, die Menschenmassen und deren babylonisches Sprachgewirr, die Ziffern auf den Monitoren stehen Kopf. In dieser cleanen Flughafen-Lounge-Stimmung zieht langsam eine gehetzte, klaustrophobische Kaltwetterfront auf.

Einer der schönsten Akzente setzt «Oh Willy» von Emma DeSwaef und Marc James Roels, obwohl der Film als Sieger des internationalen Wettbewerbs 2012 für Stammgäste keine Überraschung mehr sein dürfte. Der Wittwer Willy, der im Fell eines archaischen, wuscheligen Urzeitwesens schliesslich so etwas wie Frieden und Heimat findet, stellt ähnlich wie Marie-Margaux Tsakiri-Scanatovits «My Mother’s Coat» die Frage nach der Bedeutung von Geborgenheit für das Heimatgefühl. Tsakiri-Scanatovits’ Mutter, eine Italienerin, war der Liebe wegen nach Athen gezogen, im Kopf aber in Italien geblieben. Die animierten, hingekritzelten Familienskizzen aus vergangenen Tagen bleiben unvollständig.

Die Heimat schleppt man immer mit

Man nimmt halt eben doch immer Heimat mit. Wie der Brite, der in «Wild Life» anfangs des 20. Jahrhundert als Cowboy in den unendlichen Weiten Kanadas sesshaft werden will. Und doch ganz Brite bleibt. Tee trinkt, blutiges Steak ist. Am Ende kostet ihn der fehlende Realitätssinn das Leben.

Bei so viel Düsternis ist der anrührende Film «Chinti» der Russin Natalia Mirzoyan regelrechtes Seelenbalsam. Dort wird für eine emsige indische Ameise, die am vermüllten Strand eine Banknote findet, das darauf abgebildete Taj Mahal zum Sehnsuchtsanker. Aus Müll und gegen die uniformen Bauvorhaben ihrer Kollegen baut sie das Taj Mahal nach und wird zur Touristenattraktion. Ein wunderschönes Stück über die künstlerische Vision und die Kraft der Imagination. Die auch die Kioskfrau im Film der in Zürich lebenden Lettin Anete Melece in sich trägt. Statt über Reisemagazine zu träumen, stellt sie ihren Kiosk bald im Süden auf.

Hinweis

Animationsfilmfestival Fantoche, Baden. Bis 8.9. Filmreihe «Sehnsucht», Fr, 6.9. und So, 8.9., 20.45 Uhr, Kino Orient. «Angekommen?», Fr, 6.9./So, 8.9., 14.15 Uhr, Kino Orient. «Heimat im Herzen», Fr, 6.9., 16.15 Uhr, Kino Orient sowie Sa, 7.9., 18.30 Uhr, Kino Sterk. www.fantoche.ch

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