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ANIMATIONSFILM: «Wir Trickfilmer sind Nerds»

Die Ostschweizerin Michaela Müller zeigt ihren Kurzfilm «Airport» an den wichtigsten Festivals der Welt. Obschon mit Lob und Preisen überhäuft, wird sie mit dieser Nischenkunst nicht reich.
Melissa Müller
Michaela Müller mit ihrem von Hand gezeichneten Storyboard für ihren Kurzfilm «Airport». (Bild: Mareycke Frehner (St. Gallen, 16. Januar 2018))

Michaela Müller mit ihrem von Hand gezeichneten Storyboard für ihren Kurzfilm «Airport». (Bild: Mareycke Frehner (St. Gallen, 16. Januar 2018))

Melissa Müller

melissa.mueller@tagblatt.ch

Michaela Müller ist ständig unterwegs, führt ein Leben zwischen den Koffern: «Meine Heimat ist das Unterwegssein», sagt die Animationsfilmerin. Sie pendelt zwischen New York, Zagreb und ihrem Elternhaus am Waldrand im ausserrhodischen Reute. In den letzten Jahren verbrachte sie viel Zeit auf Flughäfen – und begann irgendwann, genauer hinzuschauen an diesen Orten der Anonymität. «Der Flughafen ist ein gefährlicher Ort», sagt Michaela Müller. «Plötzlich könnte irgendwo eine Bombe explodieren. Ständig ist das Flughafen­system in Alarmbereitschaft.» An diese Anspannung habe man sich gewöhnt. «Der Flughafen steht für eine Tendenz, wo unsere Welt hingeht.» Und genau davon handelt ihr Film «Airport».

Ein Kind im Koffer

Der von der SRG mitfinanzierte Film hat über 200 000 Franken gekostet. In elf Minuten entfaltet er ­einen hypnotischen Sog. Es gibt weder einen Helden noch eine ­lineare Handlung. «Ich wollte keine einfache Geschichte er­zählen.» Auch eine skurrile ­Zeitungsmeldung über eine Wärmebildkamera, die einen Koffer durchleuchtete, fand Eingang in ihren Film. Zum Vorschein kamen nicht etwa Kleider, sondern ein zusammengekauertes Kind. Das Bild vom Kind im Koffer ging um die Welt – und Michaela Müller nicht mehr aus dem Kopf. Jetzt steht es im Film symbolisch für Menschen auf der Flucht, ohne Pass und Geld.

Sechs Jahre hat sie am Film gearbeitet. Die ersten drei Jahre skizzierte sie, entwickelte Szenen, suchte mit den Produzenten nach Geldgebern. Dann malte sie in der Dunkelkammer gegen 8000 Bilder auf eine Glasscheibe, fotografierte und animierte sie. Das Ergebnis wirkt, als wären Gemälde zum Leben erweckt worden.

An einer Sekunde Film arbeitet Müller im Schnitt einen Tag. Das sei keineswegs ungewöhnlich langsam für einen Film, sagt Annette Schindler, künstlerische Leiterin des Animationsfilm­festivals «Fantoche» in Baden. «Animationsfilmer sind die fleissigsten Menschen auf Erden; sie leisten minutiöse, sorgfältige ­Arbeit für kleinste Sequenzen.» Für Annette Schindler ist Müllers Film «ein Meisterwerk»: Sie lobt die fliessenden Übergänge und die dynamische Kameraführung.

Die Schweiz bringt immer wieder hervorragende Animationsfilme hervor. Ein Meilenstein war der Oscar-nominierte «Ma vie de Courgette» von ­Claude Barras, der erste animierte Schweizer Langfilm seit langem. Absolventen der Animationsfilmschulen in Luzern und Lausanne sind später oft für kommerzielle Anwendungen wie Clips, Games oder Werbung tätig. Daneben gibt es auch etwa den Weg, an grossen Langfilmproduktionen mitzuarbeiten oder eben beim freien animierten Kurzfilm zu bleiben. Michaela Müller schätzt es, wenn sie vom Storyboard über Ton und Schnitt alle Fäden selber in der Hand hat. Seit sie mit ihrem Erstling ­«Miramare» 2011 ans Festival in Cannes eingeladen wurde, kennt man sie in der Szene der Animationsfilmer. «Reich wird man ­damit nicht.»

Festivals in Toronto, ­ Ottawa, Leipzig und Bilbao

Frankreich ist das Land des ­Animationsfilms. «Airport» lief bereits in Annecy, dem wichtigsten Festival. Gegen 2000 Künstler reichen dort ihre Kurzfilme ein; nur 60 werden gezeigt. «Ein Ritterschlag», freut sich Müller, die ihren Film auch schon in Leipzig, Bilbao, Ottawa, Toronto und Ljubljana präsentierte. Diese Anlässe seien in der Regel wenig glamourös: «Wir Trickfilmer sind komische Nerds», sagt sie schmunzelnd. «Wir wissen, was für ein Kampf es ist, einen solchen Film zu machen. Das verbündet.» Sie hofft, dass «Airport» dereinst in den Kinos als Vorfilm gezeigt wird. Dabei ist sie auf die Unterstützung von Filmverleihern und Kinobetreibern angewiesen.

Animationskünstler sind keine Selbstdarsteller. Michaela Müller ist da keine Ausnahme. Ursprünglich war die 45-Jährige Zeichen- und Werklehrerin. «Beim Unterrichten merkte ich, dass ich nicht die geborene Kommunikatorin bin. Das war ein Chnorz», sagt sie. «Ich merkte, dass ich sehr gern allein bin.»

Den ganzen Tag in der Dunkelheit

Nach dem Frühstück bewegt sie sich jeweils an der frischen Luft – im Wissen, dass sie sich danach den ganzen Tag in ihrer Dunkelkammer einschliessen wird. Das mache ihr auch an heissen Sommertagen nichts aus. «Ich kann als Person total verschwinden in meinem Film.» Dann sitzt sie in ihrem Atelier in Brooklyn auf dem Gymnastikball, trinkt Kräutertee und lässt sich vom Zufall überraschen. So kann es sein, dass sich ein Farbfleck auf der Glasplatte plötzlich in einen Mann mit einem Gitarrenkoffer verwandelt, der im Flughafen­getümmel verschwindet. Sie unterbricht diesen Prozess nur ungern – «blöderweise kommt manchmal der Hunger». Zum Ausgleich trinkt sie abends gern mal ein Bier mit ihrem Lebens­gefährten, fährt Velo oder tanzt. «Tanz und Animation haben viel gemeinsam.» Tanzen hat ihren Blick für das Zusammenspiel von Körpern und Gesichtern geschärft. «Beim Animationsfilm kommt es nicht darauf an, wie eine Figur aussieht, sondern wie sie sich bewegt.»

Die Filmemacherin, die Maler Chaim Soutine und Regisseur Michael Haneke bewundert, hat eine Gruppe treuer Verbündeter um sich geschart. Darunter der in New York lebende Rheintaler Klangkünstler Fa Ventilato, der ihren Kurzfilm «Airport» mit Klängen unterlegt hat. Dafür gingen die beiden auf Flughäfen auf Geräuschejagd: Sie nahmen Gesprächsfetzen auf, Sätze wie ein Gehetztes «Excuse me!», Lautsprecherdurchsagen und das knirschende Geräusch von Turnschuhen. «Der Sound macht 50 Prozent aus beim Animationsfilm.» Erst der Ton mache die abstrakten Bilder fassbar und versetze den Zuschauer in die hektisch-monotone Flughafenwelt.

«Airport» läuft am Sa, Mo und Mi an den Solothurner Filmtagen.

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