«Angsttheologie ist abgeschafft»

Die Passion ist ein Festival der Schmerzen, die Kirche übte einst viel Druck damit aus. Heute sei der Schmerzens-Jesus ein Vorbild, sagt der Religionspsychologe Sebastian Murken. Denn er baue das Scheitern in seine Persönlichkeit ein.

Daniel Klingenberg
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Christus als Schmerzensmann: Diese Andachtsbilder kamen im 12. Jahrhundert auf und zeigen den Gekreuzigten mit Wundmalen, aber lebend. (Bild: akg/L. Sustris)

Christus als Schmerzensmann: Diese Andachtsbilder kamen im 12. Jahrhundert auf und zeigen den Gekreuzigten mit Wundmalen, aber lebend. (Bild: akg/L. Sustris)

Jesus wird in der Passionszeit als Schmerzensmann mit dem Lied «O Haupt voll Blut und Wunden» besungen. Die Passion, der wichtigste Festzyklus der Christen, ist voller Schmerzensbilder. Warum eigentlich?

Sebastian Murken: Das Christentum baut auf einem Leib-Geist-Dualismus auf. Das heisst: Der Körper ist das Bild für die irdische, unvollkommene und vorläufige Welt, der Geist steht für das Jenseits und das Paradies. Weil Christus nach dem Dogma diese Welt überwindet, überwindet er auch die Körperlichkeit. Das ist in der Figur des Schmerzensmannes verdichtet: Es ist wie ein ganzer Kreuzweg in einem Bild.

Die Darstellung des Leides verweist darauf, dass es einmal vorbei ist damit?

Murken: Genau. Wer den Schmerzensmann ansieht, sieht eigentlich das Ende der Schmerzen. Weil Jesus am Ende der Passionszeit aufersteht und damit den Weg in das selige Jenseits frei macht.

Man könnte aber auch eine Verherrlichung des Leidens sehen darin.

Murken: Das Christentum ist zu grossen Teilen auch eine Angsttheologie. Es sagt: Ertrage hier in diesem Leben das Leid, damit du es im Paradies umso besser hast. Die christliche Theologie ist eigentlich ein Modell des unendlichen Bedürfnisaufschubes. Das Leiden auf der Erde ist damit nicht schlecht an sich, sondern der Weg zum Heil. Es ist eine Opferideologie, in die gesellschaftliche Unterdrückung eingeflochten und legitimiert ist und die wunderbar zu Machtpolitik passt. Eine solche Religion der Angst ist das, was Karl Marx «Opium für das Volk» nannte und stützt bestehende Machtverhältnisse.

Sie sind Religionspsychologe und haben auch eine psychotherapeutische Praxis. Erleben Sie in der Therapie, dass Menschen unter dieser Angsttheologie leiden?

Murken: Bei älteren Patientinnen und Patienten zeigt sich das immer wieder. Allerdings gibt es da einen Paradigmenwechsel. Die Generationen, die ab den 1960er-Jahren geboren wurden, betrifft das weniger. Denn das Zweite Vatikanum und die Religionskritik der 1968er-Jahre haben die Angsttheologie nachhaltig relativiert, was zu einer Veränderung der religiösen Erziehung geführt hat.

Was läuft bei Menschen seelisch ab, die unter dem Erdulden des Leides leiden?

Murken: Sie haben die Idee verinnerlicht, dass Wünsche und Bedürfnisse des eigenen Körpers sündig sind. Sobald sich dieser meldet, meldet sich auch das schlechte Gewissen. Das reicht von der Sexualität bis zum Essverhalten. Macht über das schlechte Gewissen haben die Priester. Sie regulieren über die Sakramente den Zugang zum Heil.

Um was geht es in einer Therapie bei solchen Menschen?

Murken: Einerseits darum, diese Leibfeindlichkeit des Christentums als eine Konstruktion zu verstehen. Das ist aber nicht das Entscheidende: Entscheidend ist es, auf der emotionalen Ebene die durch diese Unterdrückung entstandenen Gefühle nachzuerleben und sich neue Handlungsspielräume für das Leben zu erarbeiten. Was dann heisst: Die Bedürfnisse des Körpers dürfen sein.

Heute greift diese Angsttheologie nicht mehr. Was geschieht denn jetzt?

Murken: Die Theologie ist in einer schwierigen Situation. Denn der liebe Gott hat heute alle lieb. Die Angst vor Teufel und Hölle ist abgeschafft. Da sagen sich die Menschen: Warum soll ich mich verhalten, wie die Morallehre der Kirche es vorschreibt, wenn mich Gott sowieso lieb hat? Anders gesagt: Die Kirche hatte früher das Druckmittel, dass es eine Gruppe von Erwählten und Nichterwählten gab. Sie hatte Macht über die Menschen und ihre Angst, weil sich die Gläubigen permanent fragten: In welcher Gruppe bin ich?

Was passiert psychologisch?

Murken: Zunächst einmal hat sich die gesellschaftliche Konstruktion von Glück und Heil grundsätzlich verändert. Früher war das Heil kollektiv und im Jenseits, Bild dafür ist der christliche Himmel oder das Paradies. Heute ist das Glück individuell und diesseitig. Wer nicht in diesem Leben glücklich ist, wird es nie sein.

Wie sieht dieses Heil aus?

Murken: Das Ideal ist der beruflich, gesellschaftlich und privat erfolgreiche Mensch, der sich möglichst weitgehend entfalten kann, sich permanent weiterbildet und eine Ästhetik des Körpers pflegt. Das Leben ist ein Erlebnis- und Selbstverwirklichungsprojekt.

Der Schmerzensmann passt da nicht rein.

Murken: Nein. Aber die Schmerzen sind wir natürlich nicht los. Unsere Gesellschaft betreibt einen grossen Aufwand, um Schmerz zu betäuben und Leid zu verleugnen. Die Erlebnisgesellschaft ist eine Art palliatives Modell. Palliativ bedeutet schmerzstillend. Das Glück der modernen Gesellschaft gibt es nur, wenn es auch Mittel gibt, die den Schmerz nicht spüren lassen.

Was würde passieren?

Murken: Wenn wir auf der emotionalen Ebene nachempfinden würden, was etwa in Syrien oder mit den Flüchtlingen im Mittelmeer passiert, würde uns das nachhaltig den Spass verderben.

Was wäre der Gewinn, wenn wir dieses Leid an uns heranlassen würden? Oder anders gesagt: Was ist die Kehrseite der «palliativen Gesellschaft»?

Murken: Leiden und Schmerz zuzulassen fördert die Empathie. Nur wenn wir solche Gefühle selber emotional durchleben, können wir mitleiden, sind wir fähig, Gefühle nachzuvollziehen. Das aber ist die Grundlage von Solidarität.

Das heisst: Je stärker eine Gesellschaft die schmerzlichen Seiten des Lebens betäubt, desto weniger solidarisch ist sie.

Murken: Das kann man so sagen.

Einerseits ist die Abschaffung der Angsttheologie sinnvoll. Anderseits betäuben Menschen heute einfach den Schmerz. Das ist ebenfalls wenig sinnvoll.

Murken: Letztlich halten viele Menschen heute den Druck, dass das diesseitige Leben voller Glück sein muss und sie dieses quasi selber schaffen müssen, nicht aus. Das ist die Destruktivität von Idealen. Die Folge ist eine Zunahme psychischer Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen. Die Menschen, die so daran leiden, werden wiederum ausgegliedert. Die Gesellschaft wird in Starke und Schwache eingeteilt.

Der Zusammenhang von Schmerzen und Religion ist eines Ihrer Forschungsthemen.

Murken: Wir haben untersucht, ob und wie Religion hilft, krisenhafte Erkrankungen zu bewältigen. Dabei zeigt sich beispielsweise ein Unterschied zwischen krebskranken Personen und Menschen mit chronischen Schmerzen. Chronische Schmerzen, etwa im Kopf oder Rücken, führen mit der Zeit zu Verzweiflung. Der ständige, gleichbleibende Schmerz besetzt das Bewusstsein und bindet so viel Aufmerksamkeit, dass es kaum positive Deutungsmuster gibt.

Bei Krebspatienten ist das anders?

Murken: Ja. Sie berichten zum Beispiel: Weil sie die Grenze des Lebens sehen, leben sie ganz im Jetzt und das hat eine neue, positive Qualität. Oder: Die Beziehungen zu ihren nächsten Menschen haben sich im Horizont des Todes verbessert.

Die Religionen kennen auch das Phänomen, dass der Geist über Schmerzen siegt.

Murken: Das ist richtig und beginnt bereits bei der Meditation. Man bleibt in der sitzenden Position, auch wenn die Beine fürchterlich schmerzen. Es geht eigentlich darum, durch das Aushalten der Schmerzen eine geistige Reinigung zu erleben. Indische Asketen und Meditierende in Naturreligionen erzielen ganz erstaunliche Phänomene. Sie können sich beispielsweise ohne Wunden Nadeln durch die Zunge stechen. Das ist möglich, weil sie durch geistige Konzentration den Körper so beeinflussen, dass sie Schmerzen nicht spüren und sich Wunden am Körper öffnen und wieder schliessen. Hier passiert eigentlich eine Erweiterung des Bewusstseins.

Im Buddhismus spielen Leiden und Schmerzen ebenfalls eine wichtige Rolle.

Murken: Der Buddha sagt, alles Leben sei unvollkommen und leidvoll. Letztlich geht es darum, das auszuhalten und damit auch die Unvollkommenheit und Endlichkeit des Lebens zu akzeptieren.

Sie sagen, wir verstünden die Funktion des Schmerzensmannes nicht mehr, weil für uns das Glück nicht mehr im Jenseits ist. Kann er trotzdem noch etwas bedeuten?

Murken: Ja. Wir sehen im Schmerzensmann einen Menschen mit Wunden vor uns, was der ganz normalen Lebenserfahrung entspricht. Statt Wunden kann man auch Scheitern sagen. Offensichtlich ist das Scheitern Teil seiner Persönlichkeit, er integriert und akzeptiert es. Es ist das, was C. G. Jung die «Integration des Schattens» nannte und zur Reifung der Persönlichkeit führt.

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