Angst vor der Röhre

Der neue Gotthardtunnel löst bei Menschen mit Tunnelangst keine Freude, sondern Panikattacken und Schweissausbrüche aus.

Jeannine Kempf
Drucken
Ein Gueterzug befaehrt die noerdliche Gotthard Bergstrecke zwischen Erstfeld und Goeschenen bei Wassen am Mittwoch, 11. Mai 2016. Wenn im Dezember 2016 die ersten Zuege fahrplanmaessig durch den Gotthard-Basistunnel fahren, bedeutet dies einen Epochenwechsel fuer die alte Bergstrecke. Mindestens bis zum Auslaufen der Fernverkehrskonzession Ende 2017 soll die Strecke allerdings weiterbetrieben werden. (KEYSTONE/Urs Flueeler) (Bild: URS FLUEELER (KEYSTONE))

Ein Gueterzug befaehrt die noerdliche Gotthard Bergstrecke zwischen Erstfeld und Goeschenen bei Wassen am Mittwoch, 11. Mai 2016. Wenn im Dezember 2016 die ersten Zuege fahrplanmaessig durch den Gotthard-Basistunnel fahren, bedeutet dies einen Epochenwechsel fuer die alte Bergstrecke. Mindestens bis zum Auslaufen der Fernverkehrskonzession Ende 2017 soll die Strecke allerdings weiterbetrieben werden. (KEYSTONE/Urs Flueeler) (Bild: URS FLUEELER (KEYSTONE))

Der Körper zittert, im Hals bildet sich ein riesiger Kloss. Das Atmen fällt schwer. Der Puls rast und auf der Stirn bilden sich Schweissperlen. Die Gedanken kreisen: Was, wenn der Zug stecken bleibt? Oder es zu brennen beginnt? Panik macht sich breit. Im Zug durch den 57 Kilometer langen Gotthard-Basistunnel zu fahren, ist für Leute mit Tunnelangst der Inbegriff von Kontrollverlust. 17 Minuten, die sich wie Stunden anfühlen. Eine schier endlose Fahrt durch ein schwarzes Loch – ohne Fluchtmöglichkeit. Ähnlich ist es für von Tunnelangst Betroffene auch bei Tunnelfahrten mit dem Auto. Eine Flucht aus der Situation ist unmöglich; Anhalten, Wenden oder Zurückfahren ist verboten.

Ängste weit verbreitet

Agoraphobie heisst der Fachbegriff für die Angststörung, zu der auch die Tunnelangst gehört. Betroffene überkommt in engen Räumen, Liften, öffentlichen Verkehrsmitteln oder Orten mit grossen Menschenmengen das Gefühl, in der Falle zu sitzen. Sie haben Angst vor Situationen, in welchen sie die Kontrolle verlieren und nicht fliehen können. Angststörungen sind weiter verbreitet, als man denkt. Rund 15 Prozent der Bevölkerung, davon doppelt so viele Frauen wie Männer, leiden im Verlauf des Lebens an einer Phobie.

Menschen, die schon seit vielen Jahren mit der Angst leben, haben gelernt, Vermeidungsstrategien zu entwickeln. Sie nehmen Umwege in Kauf, nur um nicht durch einen Tunnel fahren zu müssen. Betroffene fahren nur ihnen bekannte Strecken und gehen seltener auf Reisen.

Vermeiden hilft nicht

Das Problem bei dieser Vermeidungsstrategie ist allerdings, dass die Betroffenen so nicht die Erfahrung machen, dass im Tunnel nichts Schlimmes passiert und sie sich die Katastrophen lediglich ausmalen. Vermeidung erhält die Angst aufrecht und Gedanken verstärken sie noch mehr – ein Teufelskreis. «Menschen mit Tunnelangst geben so ihre Mobilität auf und nehmen weniger am Sozialleben teil. Das schränkt ihre Lebensqualität enorm ein», sagt Thomas Heinsius, leitender Arzt der Psychiatrischen Poliklinik in Winterthur. Es gebe Menschen, die aufgrund ihrer Angststörungen ihr Dorf oder gar ihre Wohnung nicht mehr verlassen würden.

Angst vor der Angst

Angststörungen entstehen durch eine Kombination von verschiedenen Faktoren. Eine Neigung zur Ängstlichkeit, die Erziehung oder Stress spielen dabei eine wichtige Rolle. Hinzu kommen angstauslösende Reize wie Höhe, Enge oder Dunkelheit. Der Beginn vieler Phobien sei aber oft ein traumatisches Erlebnis, sagt Heinsius. Fänden sich die Personen dann in einer ähnlichen Situation wieder, breche Angst aus. Es komme dann zur «Angst vor der Angst» – Betroffene fürchten ständig, dass erneute eine Panikattacke auftreten könne. «Phobien treten meist in besonders belastenden Lebensphasen erstmalig auf, wie zum Beispiel nach einem Jobverlust oder einer Trennung», erklärt Heinsius.

Konfrontation bringt Erfolg

Die Erfolgsaussichten einer Therapie bei Angststörungen sind jedoch sehr gut. Etwa 90 Prozent aller Angstgeplagten können ihre Ängste mit einer Verhaltenstherapie loswerden. Diese Methode setzt auf die Konfrontation mit den Ängsten. «Betroffene, die zu mir kommen, müssen erst den Mut aufbringen, sich ihrer Angst zu stellen. Das klappt leider nicht bei allen», erklärt die Psychologin und Fahrlehrerin Renate Siegenthaler, die Leute mit unterschiedlichen Fahrängsten therapiert. Bei Menschen mit jahrelanger Tunnelangst hätten sich die Vermeidungsstrategien so fest im Gehirn verankert, dass es schwierig sei, die Ängste einzugestehen und zu überwinden. Bei der Therapie sei es deshalb wichtig, Schritt für Schritt voranzugehen. «Die Betroffenen müssen lernen, mit ihren Gefühlen umzugehen. Die Gefühle sind zwar anstrengend und real, aber nicht gefährlich», sagt Heinsius.

Auf Siegenthalers Website fahrangst.ch berichten viele Frauen und einige Männer von ihren erfolgreich therapierten Fahrängsten. Etwa ein pensionierter Tunnelbauingenieur, er konnte zwar durch kurze Tunnels, aber nicht durch den langen Gotthard fahren, obwohl er ein Ferienhäuschen im Tessin besitzt. «Ich fuhr mit Siegenthaler viermal durch den Tunnel. Seither fahre ich problemlos ins Tessin», schreibt er.

Säumerkolonne am Gotthard im Winter Source 'Der Gotthard', H. Nething

Säumerkolonne am Gotthard im Winter Source 'Der Gotthard', H. Nething

ZUM COUNTDOWN BIS ZUR OFFIZIELLEN EROEFFNUNG DES GOTTHARD-BASISTUNNELS STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES HISTORISCHES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG. AM MITTWOCH, 1. JUNI 2016, 17 JAHRE NACH DER ERSTEN SPRENGUNG IM HAUPTSTOLLEN, BEGINNEN MIT DER EROEFFNUNGSZEREMONIE DIE FEIERLICHKEITEN. - Miner Hubert Baer is climbing through the cutterhead, shortly after the breakthrough of the Gotthard Base Tunnel near Faido, Switzerland, Friday, October 15, 2010. (KEYSTONE/Martin Ruetschi) Mineur Hubert Baer steigt am 15. Oktober 2010 bei Faido im Kanton Tessin, Schweiz, kurz nach dem Durchstich des Gotthard Basistunnels durch den Bohrkopf. (KEYSTONE/Martin Ruetschi) (Bilder: ky)

ZUM COUNTDOWN BIS ZUR OFFIZIELLEN EROEFFNUNG DES GOTTHARD-BASISTUNNELS STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES HISTORISCHES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG. AM MITTWOCH, 1. JUNI 2016, 17 JAHRE NACH DER ERSTEN SPRENGUNG IM HAUPTSTOLLEN, BEGINNEN MIT DER EROEFFNUNGSZEREMONIE DIE FEIERLICHKEITEN. - Miner Hubert Baer is climbing through the cutterhead, shortly after the breakthrough of the Gotthard Base Tunnel near Faido, Switzerland, Friday, October 15, 2010. (KEYSTONE/Martin Ruetschi) Mineur Hubert Baer steigt am 15. Oktober 2010 bei Faido im Kanton Tessin, Schweiz, kurz nach dem Durchstich des Gotthard Basistunnels durch den Bohrkopf. (KEYSTONE/Martin Ruetschi) (Bilder: ky)

Licht am Ende des Tunnels: Die Redewendung spricht für sich. (Bild: fotolia)

Licht am Ende des Tunnels: Die Redewendung spricht für sich. (Bild: fotolia)

Aktuelle Nachrichten