Angela Hewitt: Das Staunen über den staunenden Bach

Es ist ein geistiges Exercitium allererster Ordnung, die «Kunst der Fuge» integral darzustellen, und eine intellektuelle wie emotionale Herausforderung dazu. Wieder einmal möchte man den Begriff denkwürdig wagen für das, was am Eröffnungskonzert der diesjährigen St.

Martin Preisser
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Angela Hewitt (Bild: pd)

Angela Hewitt (Bild: pd)

Es ist ein geistiges Exercitium allererster Ordnung, die «Kunst der Fuge» integral darzustellen, und eine intellektuelle wie emotionale Herausforderung dazu. Wieder einmal möchte man den Begriff denkwürdig wagen für das, was am Eröffnungskonzert der diesjährigen St. Laurenzen-Konzerte passiert ist: Neunzig Minuten anspruchsvollste Kontrapunktik und Bachs Kunst in konzentrierter Vollendung.

Reinste Präsenz

Angela Hewitt spielt sich mit ihrer Darstellung des Zyklus an die Spitze dessen, was heute an Bach-Können möglich ist. Schon das erste Thema lässt sie unnachahmlich schweben, wagt den zarten Beginn einer grossen Geschichte. Völlig durchgehört sind alle Stimmen und Gewebe – polyphones Denken in reinster Präsenz. Was dann abrollt, sind nicht nur schwerelos dargestellte Studien, sondern Geschichten, Bilder, Landschaften, Philosophien. Der Kanadierin gelingt es – weit jenseits der Diskussion historischer oder romantischer Bach – einen atmenden Bach zu zeigen. Es ist, als würde Hewitt staunen über Bachs eigenes Staunen ob der Gesetze und des Kosmos polyphoner Musik und darüber, dass er diesen Kosmos so vollendet anzapfen kann.

Umkehrungen, Spiegelungen, Verkleinerung, Vergrösserung, das Geheimnis verschiedener Intervallabhängigkeiten zwischen den Stimmen: All diesen kompositorischen Kniffs und genialen Tricks haucht Hewitt eine Art individueller Persönlichkeit ein. Bei genauester Stimmführung beherrscht sie parallel ein wunderbar feinfarbiges Grundrauschen dieser Musik, aus dem sich immer wieder frische Ströme herausbilden.

Zärtlich von Idee zu Idee

Das Stille, Besänftigende, aber auch das Selbstbewusste und Virtuose dieser Kunst – alles ist in ein übergeordnetes Bild eingeordnet, das den Zyklus über weite Strecken auch zu einer Art musikalischen Lebensreise werden lässt, zu Bildern kreativen Denkens. Angela Hewitt kann zugreifen, kann es herrlich perlen lassen. Und doch überwiegt eine sinnliche Universalität pianistischen Denkens. Da ist oft auch eine Pianistin am Werk, die den Zuhörer fast zärtlich von Idee zu Idee führt. Den letzten Contrapunctus lässt Hewitt abbrechen, gerät in eine Geste der Erstarrung, die Demut ausdrückt, um dann mit einem Choral dieses unvergessliche Bach-Fest zu schliessen.