Andrea Lang und das Glück des Übens

Auf einen Kaffee mit…

Bettina Kugler
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«Die Stimme wäre reif für eine Facherweiterung»: Andrea Lang träumt von Opernpartien wie Händels Cleopatra. (Bild: Michel Canonica)

«Die Stimme wäre reif für eine Facherweiterung»: Andrea Lang träumt von Opernpartien wie Händels Cleopatra. (Bild: Michel Canonica)

Zum Singen blieb ihr in den vergangenen Jahren weniger Zeit, als ihr lieb war. Denn zwei lebhafte Kinder hielten Andrea Lang in Atem – und viele andere, die sie in den besten Baby- und Kleinkindmonaten mit Leib und Seele in die Welt der Klänge begleitet hat. 2011 wagte die St. Galler Opern- und Konzertsängerin den Schritt in die Selbstständigkeit; sie gründete «Musik & Klang» als Eine-Frau-Unternehmen. «Für mich ist das ebenso wertvoll und erfüllend wie meine Sängerkarriere», sagt sie. Eine Herzensarbeit, die von ihr viel Feinfühligkeit verlangt.

Unterdessen sind die Kurse für Eltern mit Babys und Eltern mit Kleinkindern, aber auch ihre Angebote für Schwangere derart gefragt, dass Andrea Lang mit ihrer musikpädagogischen Arbeit mehr als gut ausgelastet ist. Die Überstunden muss sie rot in der Agenda eintragen. Gewissenhaft hält sie sich an diese selbstverordneten Zeiten zum Singen – was nicht einfach ist in einem reich gefüllten Alltag. «Ich muss genau dann stimmlich fit sein, wenn ich beginne, und manchmal gerade dann aufhören, wenn ich den richtigen Level an Energie erreicht habe.» Je besser das Training, desto flexibler und farbenreicher kann sie gestalten.

Morgen wird Andrea Lang im 5. Tonhalle-Konzert unter der Leitung des Engländers Howard Shelley die Arie «Ch’io mi scordi di te» singen: eine der bekanntesten Konzertarien Mozarts. Alle bedeutenden Mozart-Interpretinnen haben sie im Repertoire, nicht nur Soprane – auch Mezzosopranistinnen wie Cecilia Bartoli und Joyce di Donato. In vielfacher Hinsicht eine Herausforderung. «Die Arie bewegt sich viel in mittlerer und tiefer Lage», sagt Andrea Lang; «trotzdem sollen die Feinheiten und die Dramatik zum Tragen kommen.» Howard Shelley wird nicht nur Dirigent des Sinfonieorchesters St. Gallen sein, sondern auch Solist: Mozart hat der Sängerin in dieser Arie zusätzlich zum Orchester eine konzertierende Klavierstimme beigesellt. Die beiden lernen sich erst jetzt kennen; Howard Shelley wird seine eigenen Vorstellungen mitbringen: immer ein spannendes Spiel, dies auszutarieren.

Wie sehr ihr das ungestörte Singen und das Künstlerinnendasein manchmal fehlen, wurde ihr in der Vorbereitung auf das Konzert erneut bewusst. «Ich brauche es wie die Luft zum Atmen. Gerade Mozart ist Balsam, nicht nur für die Stimme.» Entsprechend freut sie sich auf kreative Schaffenspausen. Davon darf es künftig wieder mehr geben: Zeiten, in denen sie «stimmlich in den Tag hineinleben», neues Repertoire erkunden und altes auffrischen kann. Etwa den Liederzyklus op. 38 von Rachmaninow oder Mignon-Lieder in Vertonungen von Schubert, Schumann und Hugo Wolf. «Wichtig ist mir auch eine Facherweiterung im Bereich Oper. Die Stimme und meine Persönlichkeit wären jetzt reif für Traumrollen wie Händels Cleopatra oder Webers Agathe.»

Doch erst kommt Mozart. Der Erwartungsdruck sei enorm, wenn sie in St. Gallen singe. «Leider ist das viel zu selten der Fall», sagt sie, «und wir Sänger wissen nie, wie gesund wir am Tag des Konzerts sind, gerade in Grippezeiten.» Bestens vorbereitet ist Andrea Lang zweifellos: Das Glück des Übens ist dazu Anreiz genug.

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Morgen Do, 5.1., 19.30 Uhr, Tonhalle St. Gallen

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