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«Andorra war eine Sensation»

Ab Freitag ist Max Frischs «Andorra» im Theater St. Gallen zu sehen. Literaturprofessor Peter von Matt war von 1979 bis 2013 Präsident der Max-Frisch-Stiftung. Max Frischs Analyse kollektiven Verhaltens treffe gerade heute einen Nerv.
Hansruedi Kugler
Uraufführung von «Andorra» 1961 im Schauspielhaus Zürich: Andri wird von den «Schwarzen» gefangengenommen und abgeführt. (Bild: akg)

Uraufführung von «Andorra» 1961 im Schauspielhaus Zürich: Andri wird von den «Schwarzen» gefangengenommen und abgeführt. (Bild: akg)

Herr von Matt, wann haben Sie «Andorra» zum ersten Mal gesehen?

Peter von Matt: Das war 1961, die Inszenierung der Uraufführung in Zürich. Es war eine unglaubliche Sensation. Und ein Jahr später kamen «Die Physiker» von Dürrenmatt. Beide Male ging die Uraufführung an drei Tagen hintereinander über die Bühne. Frisch und Dürrenmatt waren die unbestrittenen Könige des deutschen Theaters. «Andorra» zog wie in einem Triumphzug über alle Bühnen.

Wie haben Sie auf die Aufführung reagiert?

von Matt: Ich sehe viele Szenen noch vor mir. Und schon damals fand ich, dass die Entschuldigungsreden, die von den einzelnen Andorranern direkt ans Publikum gehalten werden, etwas vom Wichtigsten sind. Sie zeigen das Spektrum von Argumenten, mit denen man sich nach schweren Verfehlungen reinzuwaschen sucht. Jede dieser Reden an das Publikum ist von Frisch mit stupendem psychologischem Scharfsinn aufgebaut. Die Figuren entlarven sich, indem sie sich für schuldlos erklären. Die Handlung des Stücks und diese Reden spiegeln sich ineinander.

Neben Andri ist sein Vater, der Lehrer Can, die eigentlich tragische Figur im Stück. Seine Lüge über die Herkunft Andris bringt diesem am Ende den Tod. Ein frühes, bitteres Drama über einen intellektuellen Gutmenschen?

von Matt: Das kann man so sehen, aber der Lehrer ist sicher nicht die komplexere Figur als Andri, und den Begriff des Gutmenschen halte ich für fragwürdig. Im Grunde geht es weniger um die einzelnen Charaktere als um das kollektive Denken und Handeln, sei's in sozialen Gruppen, sei's in einer ganzen Gesellschaft.

Der Schutz durch die Gruppe macht selbstgefällig?

von Matt: Im kollektiven Denken und Handeln fühlt man sich durch die andern geschützt und im Voraus entschuldigt. Das ist ein eminent aktuelles Problem. Unsere Psychologie ist immer noch viel zu sehr Psychologie der Individuen. So wie es eine Schwarmintelligenz gibt, gibt es auch eine Schwarmmoral, eine Schwarmtugend und eine Schwarmschuld. Es ist interessant, dass die Literatur der Schweiz das schuldige Kollektiv schon früh und immer wieder thematisiert hat. Das hängt mit der demokratischen Tradition des Landes zusammen.

Die Premiere von Andorra 1961 war ein enormer Erfolg. Die Vorstellungen waren ausverkauft, das Buch wurde über vier Millionen Mal verkauft.

von Matt: Die Erfolgsgeschichte war nicht kontinuierlich. Nach dem gewaltigen Beginn gab es einen starken Einbruch in den späten 60er- und den 70er-Jahren, als das dokumentarische Theater die Bühnen beherrschte und die sogenannten «Parabelstücke» in Verruf gerieten. Das traf damals auch Dürrenmatt. Dazu kamen die Diskussionen, ob man den Antisemitismus am Schicksal eines Menschen abhandeln könne, der selber kein Jude sei, sondern nur für einen Juden gehalten werde. Aber «Andorra» kehrte auf die Bühnen zurück und hat sich bis heute gehalten.

Wie erklären Sie sich dieses nun anhaltende Interesse?

von Matt: Es beweist, dass Max Frischs Analyse des kollektiven Handelns und des gemeinsamen Sich-Verschuldens bis heute einen Nerv trifft, ja heute vielleicht verstärkt wieder. Es wird ja zur Zeit in der Schweiz mit einer Lautstärke vom «Wir» geredet, und diesem «Wir» werden «die Andern» mit einer Lautstärke entgegengesetzt, wie man es seit langem nicht mehr gehört hat. Das ist ein politisches Schwarm-Verhalten, das auch in «Andorra» ein Thema ist. Wenn unsere Zeitgenossen nicht spürten, dass hier etwas Aktuelles abgehandelt wird, wäre das Stück längst von den Bühnen verschwunden.

Viele Kritiker sagen, «Andorra» sei ein Lehrstück. Halten Sie diesen Begriff in Bezug auf «Andorra» noch für brauchbar?

von Matt: Der Begriff «Lehrstück» stammt von Bertolt Brecht und meint bei ihm ein Stück, aus dem die Schauspieler selbst, indem sie es spielen (auch ohne Publikum, nur zum eigenen Training), eine bestimmte Erkenntnis gewinnen sollen. Nicht indem man sie ihnen sagt, sondern indem sie in ihnen entsteht. Das war ein hochinteressantes Konzept, aber es ging vergessen, und heute meint man mit «Lehrstück» ein Spiel, das dem Publikum eine bestimmte Wahrheit oder Verhaltensregel beibringen soll, also pädagogisches Theater. Dieser Aspekt des Theaters ist uralt, es braucht dafür eigentlich keinen Fachausdruck.

Für Sie ist «Andorra» kein pädagogisches Theaterstück?

von Matt: Wenn man den Begriff des Lehrstücks heute auf ein Theaterstück anwendet, meint man damit, dass das Werk nichts anderes sei und sein wolle als eine erzieherische Aktion, eine Art Predigt. Ein Stück wie «Andorra» wird damit banalisiert. Es ist aber eben offen auf viele Deutungen hin. Wenn man es einfach als «Lehrstück» abtut, besagt das meistens, dass man sich um die provokativen Elemente darin drückt.

Die Theaterkritik bemängelt, dass «Andorra» den Anspruch, exemplarisch zu sein, nicht einlösen kann, weil die Szenerie allzu realitätsnah als die vor den Nazis sich ängstigende Schweiz erkennbar sei.

von Matt: Frisch hat im «Tagebuch mit Marion», das 1947 erschien, den Begriff Andorra als eine spielerische Bezeichnung für die Schweiz eingeführt. Er analysierte die Deutschschweizer Mentalität, besonders auch den offiziellen Kulturbegriff.

Wie unterscheidet sich das Stück von dieser Prosaskizze?

von Matt: Das Kerngeschehen des späteren Stücks erscheint in diesem Buch als eine ganz knappe Erzählung. Das Stück selbst erklärt nie, sein Schauplatz sei die Schweiz. Dennoch ist eines seiner Ziele – eines von mehreren – die versuchte Antwort auf die Frage: Was wäre in der Schweiz abgelaufen, wenn sie von den Nazis besetzt worden wäre? Diese Frage kann und darf einen auch heute noch beschäftigen.

Andri fügt sich ja in jene Rolle als stereotypen Juden, die andere ihm diktieren. Würde Andri auch als Asylbewerber, als Schwuler, vielleicht sogar als Deutscher in der heutigen Schweiz funktionieren?

von Matt: Dafür könnte man die vorliegende Handlung des Stücks nicht übernehmen. Man könnte sich aber Varianten ausdenken, die vom Stück angeregt sind und die das politische und soziale Kollektivverhalten gegenüber Aussenseitern oder Fremden in der heutigen Schweiz zeigen. Das wäre ein spannendes Experiment.

Die antisemitischen Vorurteile der Andorraner sind dumm: Juden seien geldgierig, kopflastig, ohne Heimatgefühl. Sind wir 50 Jahre später nicht gescheiter geworden oder täuscht man sich, weil diese Klischees verborgen weiterleben?

von Matt: Das Stück hat nicht das Ziel, die zirkulierenden Vorurteile über Juden zur Diskussion zu stellen. Diese sind ein Beispiel für die Art und Weise, wie leichtfertig wir anderen Menschen einen negativen Stempel aufdrücken, und wie schwer es für diese andern ist, mit einem solchen Stempel leben zu müssen. Zentral ist Andris verzweifelter Umgang mit diesem Stempel.

Eines von Max Frischs grossen Themen war: Wir verstossen ständig gegen das Gebot, sich kein Bildnis zu machen.

von Matt: Dahinter steht Frischs Überzeugung, dass wir alle die Gefangenen der Vorstellungen sind, die die andern sich von uns machen. Diese Gefangenschaft führt er an einem Beispiel bis zur letzten Konsequenz durch. Im übrigen sind negative Vorurteile sehr zählebig, weil man sich dabei überlegen fühlt. Frischs Stück ist dort am stärksten, wo es uns zum Weiterdenken zwingt. Dazu muss man allerdings bereit sein.

Peter von Matt Literaturwissenschafter (Bild: ky)

Peter von Matt Literaturwissenschafter (Bild: ky)

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