Anbruch der Gutenberg-Ära

Die Stiftsbibliothek St. Gallen hat gestern ihre Winterausstellung «Advent des Buchdrucks» eröffnet. Für einmal stehen nicht Handschriften im Mittelpunkt, sondern Inkunabeln – Wiegendrucke aus der Zeit bis 1500.

Bettina Kugler
Drucken
Teilen
Geburt Jesu, Holzschnitt um 1450/80 aus der Sammlung Kemli. (Bild:pd)

Geburt Jesu, Holzschnitt um 1450/80 aus der Sammlung Kemli. (Bild:pd)

Allein schon die schwungvolle, energische Schrift verrät einen unbequemen Geist und eine unruhige Seele. Wer weiterliest in der eigenhändig abgefassten autobiographischen Skizze des St. Galler Wandermönchs und Sammlers Pater Gallus Kemli aus der Zeit um 1476, wird diesen Eindruck bestätigt finden. Kemli, ein «St. Galler Urgewächs», so Stiftsbibliothekar Cornel Dora, legte sich heftig an mit seinen Äbten Kaspar von Breitlandenberg und Ulrich Rösch; letzteren beschimpfte er als «Tyrannen Pilatus». Er wurde zeitweilig ins Exil geschickt, vagabundierte als Leutpriester durch Süddeutschland, schied meist im Streit und starb 1481 in St. Gallen, bezeichnenderweise in der Gefängniszelle des Klosters.

Pionier Gallus Kemli

Die Stiftsbibliothek freilich verdankt Kemli Schätze aus den frühen Jahren des Buchdrucks, der Zeit zwischen der Fertigstellung von Johannes Gutenbergs Bibel 1454 und dem Jahr 1500. Es ist die Zeit der «Wiegendrucke», der Inkunabeln: So nennt man die vor dem 31. Dezember 1500 hergestellten Bücher, gedruckt mit beweglichen Lettern, ausserdem Blockbücher, in welchen einseitig bedruckte Blätter, meist Bildseiten, zu Konvoluten gefalzt und geheftet wurden. Etwa 700 Blockbücher gibt es weltweit; die meisten sind Unikate.

Gallus Kemli und der aus Lindau stammende Matthias Bürer gehören zu den frühen Sammlern von Wiegendrucken; die Stiftsbibliothek erweiterte ihre Bestände im Laufe der Jahrhunderte auf etwa 1000.

Buchdruck «in den Windeln»

Die metaphorische Bezeichnung («incunabula» kann auch mit «Windeln» übersetzt werden) passt bestens in die vorweihnachtliche Jahreszeit und gut zum Titel der neuen Winterausstellung «Advent des Buchdrucks». Zu sehen sind im Barocksaal für einmal nicht überwiegend Handschriften, sondern vielmehr kostbare Exemplare aus der Inkunabelsammlung der Stiftsbibliothek «aus der Nähe» – neben einigen Leihgaben.

Bedauerlicherweise gingen nämlich viele Stücke aus Kemlis Sammlung 1930 im Zuge eines Aufsehen erregenden Kunstausverkaufs verloren, beispielsweise der Holzschnitt «Geburt Jesu und Verkündigung an die Hirten», Titelbild des Ausstellungskatalogs und einladendes Plakatmotiv (siehe unten). 28 von 41 Holzschnitten der Sammlung Kemli befinden sich derzeit im Besitz renommierter Museen, darunter der Louvre und das British Museum; einige sind nun zeitweise wieder in St. Gallen, andere konnten zurückgewonnen werden. Stiftsbibliothekar Cornel Dora, der sich eingehend mit Kemlis Vita und Sammlung beschäftigt hat, sieht in der Ausstellung auch eine «Wiedergutmachung»; der Verkauf in finanziell klammen Zeiten sei später zum «Mahnmal für den Kunstmarkt» geworden.

Revolution der Wissenskultur

Der Ausstellung vorausgegangen ist ein zwei Jahre dauerndes Restaurierungsprojekt der Inkunabeln, finanziert vom Bundesamt für Kultur, von Stadt und Kanton und mit Geldern aus Stiftungen. Mehrere Vitrinen im Lapidarium erlauben einen Blick in den Werkzeugkasten der Buchrestauratoren. Fast eine Viertelmillion Franken wurde in die Erhaltung und Restaurierung «instabiler» Exemplare investiert.

Mit den Inkunabeln beginnt ein neues Zeitalter, dessen Ende in unseren Tagen schon öfter heraufbeschworen wurde: die Ära Gutenberg. Der Buchdruck beschleunigt die Verbreitung von Wissen und Neuigkeiten, er schiebt kirchenpolitische Veränderungen an. Und er hält Einzug in die klösterlichen Bibliotheken.

Romane, Gesundheitsratgeber

Kein Zufall, dass die Reformation, deren 500-Jahr-Jubiläum 2017 gefeiert wird, mit der Jugend des Druckwesens zusammenfällt. Doch die thematische Vielfalt der Wiegendrucke ist gross – davon zeugt die Sammlung der Stiftsbibliothek, eine «schöne, organische», wie Cornel Dora sagt, wenn auch nicht die grösste weltweit. Die Bayrische Staatsbibliothek besitzt mehr Inkunabeln, die British Library eine noch weitere thematische Bandbreite. Gleichwohl erstaunt, dass das Kloster St. Gallen keineswegs nur theologische Literatur und Erbauungsbücher erwarb – wie etwa das nach Art französischer Stundenbücher gestaltete «Andechtig Zitglögglyn» aus der Basler Druckwerkstatt von Johann Amerbach. Sondern antike Lehrbücher wie Euklids «Elemente» (ein venezianischer Druck Erhart Ratolts von 1482), einen Gesundheitskalender aus Süddeutschland oder Unterhaltungsliteratur: Thüring von Rigoltingens Meerfeen-Roman «Von einer frowen genant Melusina».

Reisebericht von Kolumbus

Ein schönes Beispiel für die Aktualität der Inhalte ist der ausgestellte Reisebericht von Christoph Kolumbus «De insulis in mari Inidico nuper inventis» («Über die kürzlich im Indischen Ozean entdeckten Inseln»), der 1494 bei Johannes Bergmann in Basel gedruckt wurde und ebenfalls zum Bestand gehört. Kolumbus' Brief erschien zunächst in zwei spanischen Drucken, wurde dann bald ins Lateinische übersetzt und in sieben Auflagen in Rom, Basel, Paris und Antwerpen weiterverbreitet.

Anfänge des Verlagswesens

Erstmals werden neben den Vitrinen auch die Büchergestelle einbezogen: Hier ist eine Auswahl von Postinkunabeln aus der Zeit nach 1500 zu sehen – vor Berührung lediglich durch vergitterte Türen geschützt.

Die Ausstellung zeigt die verbreiteten Druckschriften, sie erlaubt Vergleiche zwischen Handschriften und Inkunabeln in der Gestaltung des Schriftbildes und gibt Einblick in die Anfänge des Verlagswesens, mit Schwerpunkt auf Süddeutschland, der Schweiz und Venedig. Und sie erzählt am Beispiel der Wiegendrucke und ihrer Sammlungsgeschichte viel über das Kloster St. Gallen und über den Geist der Frühen Neuzeit.

Bis 6. März, Katalog erschienen im Verlag am Klosterhof.