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Anarchistische Kunst

Kunst Das Kunstmuseum Basel zeigt Schlüsselwerke der Arte Povera und punktet durch ihre Vielgestaltigkeit.
Florian Weiland
«Lumpenorchester» von Michelangelo Pistoletto aus dem Jahr 1968, ein typisches «Arte povera»-Werk aus der Sammlung Goetz. (Bild: pd/Wilfried Petzi)

«Lumpenorchester» von Michelangelo Pistoletto aus dem Jahr 1968, ein typisches «Arte povera»-Werk aus der Sammlung Goetz. (Bild: pd/Wilfried Petzi)

Die Zeit ist stehengeblieben. Giulio Paolini zeigt neun identische Fotografien einer Wanduhr. Neun Quadrate, zusammengefügt zu einem grossen Quadrat. Der suchende Blick des Betrachters springt hin und her, erwartet einen Ablauf wie in einem Film. Doch es herrscht Stillstand. Neunmal wird angezeigt: 4 Uhr, 24 Minuten, 48 Sekunden.

Eine Zeit des Umbruchs

Zwei abgetragene Schuhe. Die Schuhsohlen sind vergoldet. Ein Werk von Jannis Kounellis. Auch es erzählt von der Zeit. Die Schuhe – der Künstler trug sie, bis sie abgelaufen waren – symbolisieren das Leben, sind ein Sinnbild der verstrichenen Zeit. Das Gold verwandelt sie in wertvolle Objekte. Der festgefrorene Moment, mit dem uns Paolini konfrontiert, und Kounellis, der etwas Wertlosem einen fast sakralen Charakter verleiht – zwei Kunstwerke, die, so verschieden sie sind, beide gegen die Vergänglichkeit ankämpfen.

Der Grossteil der in Basel ausgestellten Werke der Arte Povera muss entschlüsselt werden. Und dafür braucht es Zeit. Um die Arte Povera, die letzte grosse Avantgarde-Bewegung des 20. Jahrhunderts, zu verstehen, muss man sich die 1960er-Jahre vor Augen rufen. Eine Zeit des Umbruchs, bewegte Jahre, nicht nur in Italien. Auch und gerade in der Kunst. Das klassische Tafelbild war verpönt. Die Werke der Arte Povera Künstler spielen mit dem Raum. Viele liegen direkt auf dem Boden, mitten im Ausstellungsraum. Es ist mutig und dankenswert, dass das Museum auf Absperrungen verzichtet. Der Blick auf die oft filigranen Kunstwerke bleibt unverstellt.

Irritierend und erheiternd

Rund 100 Arbeiten von zwölf zentralen Künstlern der Arte Povera werden präsentiert. Es sind selten zu sehende Leihgaben aus der Sammlung Goetz. Nicht weniger spannend sind die Dokumente und Fotografien, die quasi als Prolog zur Ausstellung dienen. Sie machen deutlich, mit welchem anarchistischen Impetus die Künstler der Arte Povera in ihren Performances ans Werk gingen. Von diesem Anarchismus ist auch noch viel in den ausgestellten Arbeiten zu spüren. Es sind Kunstwerke, die damals wie heute irritieren – und oft zum Schmunzeln anregen. Etwa wenn Michelangelo Pistoletto zum Konzert seines Lumpenorchesters, bestehend aus kochenden Wasserkesseln, zwei Glasplatten und einer Mauer aus alten Kleidern, bittet.

Alltägliches wird kunstwürdig

Das ist charakteristisch für die Arte Povera (ein Name, der auf den Kunstkritiker Germano Celant zurückgeht), der Einsatz einfacher, «ärmlicher» Materialien wie beispielsweise Bindfaden, Steine, Glas, Äste, Neonlicht oder Kartoffeln. Vertraute, alltägliche Gegenstände werden als kunstwürdige Materialien entdeckt und in ausgesprochen poetische und sinnliche Kunstwerke verwandelt. Ziel ist es, die Distanz zwischen Werk und Betrachter zu verringern, die Schwelle von Kunst und Leben zu überbrücken und unsere Wahrnehmung zu erweitern.

Bis 3. Februar, Kunstmuseum Basel www.kunstmuseumbasel.ch

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