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Kommentar

Vom St.Galler Kultur-Advent ausgeladen: Der Eklat um Giuseppe Gracia ist für alle Beteiligten peinlich

Giuseppe Gracia hat sich von einem packenden Autor zum Verteidiger eines konservativen Bischofs und scharfzüngigen Kommentator gewandelt. Wie ein Autor in St.Gallen zur unerwünschten Person wird – oder: Wenn sich Kleinlichkeit mit Gekränktheit verbündet.
Hansruedi Kugler
Hansruedi Kugler, Redaktor Focus

Hansruedi Kugler, Redaktor Focus

Persona non grata, eine unerwünschte Person. So etwa fühlt sich Giuseppe Gracia in der Kulturszene seiner Heimatstadt St.Gallen. Dass ihn die Präsidentin eines Kulturvereins, die SP-Nationalrätin Claudia Friedl, von einem schon gedruckten Programm auslädt, ohne ihn direkt zu kontaktieren, findet er niveaulos. Die Ausladung geschah dieser Tage, Ort ist der kommende Kultur-Advent auf dem Pic-O-Pello-Platz im Klosterviertel St. Gallen.

Giuseppe Gracia ist Schriftsteller, im Hauptberuf aber Sprecher des Bistums Chur. Als solcher verteidigt er seit Jahren auf vielen Kanälen die konservative Haltung des Bischofs Vitus Huonder. «Das ist für Sie wahrscheinlich so, als wäre ich der Kommunikationschef von Darth Vader und Sprecher des Todessterns», giftelt Gracia in einem offenen Brief an Claudia Friedl. Die SP-Nationalrätin hatte im Tagblatt die Ausladung damit begründet, dass der «Sprecher eines Bischofs, der gegen Homosexuelle hetzt und einen erbitterten Kampf gegen Abtreibung und Verhütung führt», nicht in einen Adventsanlass passe, in dem «eine friedliche Stimmung mit Kultur, Glühwein und Musik» gepflegt werden solle.

Kleinlichkeit verbündet sich hier in der Giftelei mit Gekränktheit. Ja: Es ist kleinlich, einen hiesigen Autor auszuladen, der Stammgast in jenem Restaurant ist, in welchem er am 19. Dezember Weihnachtsgeschichten hätte lesen wollen. Ein Autor, der 1992 seinen Roman «Riss» zum grossen Teil in eben diesem Lokal spielen liess. Und ja, es ist Zeichen einer tieferen Kränkung, dass sich dieser Autor öffentlich empört.

Giuseppe Gracia ist in derselben Lage wie der Satiriker Andreas Thiel. Nicht zufällig sassen beide vor einem Monat auf demselben Podium in St.Gallen zum Thema «Meinungsfreiheit». Beide werfen dem «linksliberalen Mainstream» Intoleranz vor, beide sehen die Kulturszene links-grün dominiert. Nach seinem Islam-Bashing in der «Weltwoche» wurde der Kabarettist Andreas Thiel von den meisten Kleintheatern nicht mehr engagiert. Man hat es von diesen hören können: Thiel habe sich von einem unterhaltsamen, elegant-zynischen Satiriker mit snobistischer Bühnenfigur zu einem verbissenen Polit-Kolumnisten mit SVP-Weltbild gewandelt. Nicht mehr lustig, politisch nicht genehm.

Giuseppe Gracias publizistische Entwicklung lief parallel zu jener von Andreas Thiel. Von seinen frühen Romanen, in denen er mit existenzialistischem Furor aus seinem Migrantenhintergrund packende Literatur schuf, hat er sich immer mehr entfernt und sich publizistisch zu einem Verteidiger eines konservativen Bischofs und zu einem scharfzüngigen Kommentator gewandelt.

Bei Thiel wie bei Gracia stellt man fest: Die Kunst ist ihnen abhanden gekommen.

Kein Wunder also, hat eine komplette Entfremdung stattgefunden. In seinem letzten Buch hat Gracia den «linksliberalen Mainstream» als «Kalifat» bezeichnet. Was für ein entsetzlicher Vergleich, wenn man den Moralismus von westeuropäischen Linksliberalen in die Nähe des IS-Terrors rückt! Ein Autor darf sich nicht wundern, dass er mit solchen Provokationen für viele zum roten Tuch wird. Dass man aber gerade im Advent, der Zeit der Vorfreude und Versöhnung, sich kleinlich und gekränkt zeigt, ist für alle Beteiligten peinlich.

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