An Land genommen

Bei Paul Hafner geben sich zwei alte Bekannte ein Stelldichein: Der Appenzeller Adalbert Fässler stellt gemeinsam mit seinem Studienfreund, dem Luzerner Künstler Thomas Muff, aus.

Brigitte Schmid-Gugler
Drucken
Teilen
Die Künstler Adalbert Fässler aus Appenzell und Thomas Muff aus Luzern bei der Präsentation ihrer Werke in der Galerie Paul Hafner. (Bild: Michel Canonica)

Die Künstler Adalbert Fässler aus Appenzell und Thomas Muff aus Luzern bei der Präsentation ihrer Werke in der Galerie Paul Hafner. (Bild: Michel Canonica)

Ob es ein Wiedersehen gibt mit jener über drei Meter breiten Arbeit auf Papier, die Paul Hafner zur Gruppenausstellung vor Weihnachten 2012 präsentierte? Insgeheim wünscht man sich, sie erneut betrachten zu dürfen – eine Zeichnung in Kohle, Graphit und Asphalt, an der der Blick kleben blieb, wie weicher Asphalt an den Schuhsohlen. Adalbert Fässlers «Provisorische Landnahme» war auch ein direkter Handlauf zur Unergründlichkeit von Seelenlandschaft.

Vom Rand her floss Weiss, viel Weiss in die Bildmitte oder aus dieser hinaus, und der «Zaun» als feiner Strich rahmte dunkle Felder in Braun, die ihrerseits von breiten schweren Ärmel-Trassees durchbrochen und durch schmalere Linien miteinander verbunden waren, was ihnen wiederum den Anschein eines «Gschtältlis» gab. Ausgegrabenes, Vernähtes oder Parzelliertes, auch kindliches Staunen lag in dieser wuchtigen und doch sehr zarten Aneignung von Land. Das Bild ist, wie man mit Befriedigung zur Kenntnis nehmen darf, inzwischen im Besitz des Palais Bleu in Trogen.

Keine Zuordnung

An der Stelle der «Provisorischen Landnahme», die in dieser so unaffektierten Neugierde eines Weltgrabenden an einem hängenblieb, hängt nun Thomas Muffs ebenso grosses Acrylbild auf Holz mit dem Titel «Trübsee». Seine Farben entzünden sich im Cyberspace, leuchtend, blendend, flutend, sich jeglicher Zuordnung entziehend. Wo immer schemenhaft Büsche, Bäume oder von Menschenhand Erschaffenes zu erkennen ist, das der Künstler von Fotografien in seine Bilder projiziert, wischen wilde und breite Tapetenpinselstriemen in freiem Gestus hinweg und auseinander, was einer ordnenden Ökonomie standgehalten hätte. Gelbe Nebelschleier wachsen aus Baumkronen. In fluoreszierende Nordlicht-Schleier ist seine «Schwarzwaldalp» getaucht.

Die beiden Künstler hatten sich an der Fachklasse für Freie Kunst an der Schule für Gestaltung in Luzern kennengelernt, lebten längere Zeit gemeinsam in einer WG und betrieben ein gemeinsames Atelier. Dann verloren sie sich aus den Augen. Und es vergingen nicht weniger als fünfzehn Jahre, bis Paul Hafner sie in dieser ersten gemeinsamen Ausstellung wieder zusammenführte.

Interessant ist die Feststellung auch hier, dass an einer Kunsthochschule zwar Richtungen und Techniken vermittelt werden können, der individuelle Mensch dabei aber seinen Künstlerpfad alleine austreten muss. Während Fässler zurück nach Appenzell und teilweise nach Basel ging, blieb Muff in Luzern. Beide Künstler sind seit vielen Jahren in der Schweizer Kunstszene präsent; Adalbert Fässler macht auch immer wieder mit installativen Arbeiten auf sich aufmerksam.

Befindlichkeit, nicht Abbild

Vom künstlerischen Zugriff her verbindet den Zeichner Fässler und den Kunstmaler Muff wenig. Es gibt die Farbe Blau, die bei ersterem häufig, bei Muff spärlich vorkommt, doch bezüglich der Hängung eine Brücke in den Kubus bildet, wo Fässler Arbeiten zeigt, die auf diese Ausstellung hin entstanden sind und zweifelsfrei seine «belletristische» Handschrift tragen. In kleineren und grösseren Formaten – alle Bilder ohne Titel – mischen sich Materialität und Saga; es ist auch hier die unangestrengte Klarheit, die geradezu das Weite aus den Rahmen hinaus sucht. Andeutungsweise wird eine Linie zum Frauenkörper, wallendes Haar zu seiner Decke, eine Strichsequenz zum Notenblatt eines gezupften Pizzicato. Adalbert Fässlers Arbeiten sind das Echo darauf.

Aktuelle Nachrichten