An die Wand genadelt

Über 30 Pin-ups schmücken die roten Wände des Frauenpavillons. Morgen eröffnet eine spezielle Ausstellung der St. Galler Künstlerin Andrea Vogel, die mit der Pin-up-Idee auch den Umgang mit der Selbstinszenierung ausloten möchte.

Martin Preisser
Drucken
Teilen
Andrea Vogel nimmt sich mit ihrer Pin-You-Up-Aktion als Künstlerin hinter den eingegangenen Bildern zurück. Selbst pinnt sie sich in der Burka. (Bild: Michel Canonica)

Andrea Vogel nimmt sich mit ihrer Pin-You-Up-Aktion als Künstlerin hinter den eingegangenen Bildern zurück. Selbst pinnt sie sich in der Burka. (Bild: Michel Canonica)

Sie machen Piloten in Düsenjets Mut und tapezieren Soldatenunterkünfte: die Pin-ups. Die St. Galler Künstlerin Andrea Vogel hat Künstlerkolleginnen und -kollegen sowie Bekannte dazu eingeladen, sich auf ganz persönliche Art in Pose zu setzen und ihr das Bild dann als ganz eigenes Pin-up zu schicken. Über dreissig Bilder sind eingegangen. Andrea Vogel ist sehr zufrieden über den Rücklauf.

Er drücke auch eine Portion Vertrauen aus, unterstreicht die Künstlerin: «Ich habe mich über jedes Bild, über jede Inszenierung gefreut und über die mutige Bereitschaft, sich selbst zu zeigen.»

Pin-ups auch von Männern

Die Pin-You-up-Idee ist eine Kunstaktion, bei der die Künstlerin abhängig ist von anderen und bei der sie selbst hinter die fertige Installation zurücktritt. Die Künstlerin wird zur Anstifterin von Selbstinszenierung.

Eingegangen sind auch eine Reihe von Beiträgen, die von namhaften Künstlerinnen und Künstlern stammen und so der Pin-You-up-Idee schon dadurch ein hohes darstellerisches Niveau geben. Und es sind auch Pin-ups von Männern dabei. Andrea Vogel will den Frauenpavillon öffnen und hat sich daher nicht auf weibliche Pin-ups festgelegt.

Gratwanderung

Jetzt sind sie alle an die Wand gepinnt. Ganz fein an den Hintergrund genadelt. Sich in Pin-up-Pose zu zeigen, hat auch etwas Zerbrechliches, Intimes. Es ist bei allem Reiz der Selbstdarstellung auch eine Gratwanderung zwischen Sich-zur-Schau-Stellen und Sich-Verstecken. «Ich bin stolz auf jede und jeden, der sich auf diese Idee eingelassen hat», sagt Andrea Vogel, die fast ein wenig bescheiden vor den eingesandten Arbeiten steht.

Unter den Arbeiten sind bekannte Namen aus der Kunstszene, die die Idee Pin-up auch recht weit auslegen und ausleben. Jan Kaeser hat einfach ein Stück Fleisch gemalt, mit ein paar Blutstropfen. Bei Beni Bischof hält eine Männerhand eine Bodybuilderin. Die Riklin-Brüder zeigen sich nebeneinander in Bademantel und Néglige. Verhüllung, Enthüllung, Verstecken und Sich-Outen, in den Vordergrund treten oder vorsichtig im Hintergrund bleiben: Die Selbstinszenierung hat viele Facetten.

Die Künstlerin Manon zeigt ein Frauenantlitz, das mit überroten Lippen gefesselt wirkt, im Vordergrund eine männliche Uniformmütze. Sie inszeniert damit subtil das Thema Exhibitionismus und Voyeurismus. Martin Leuthold schlüpft in ein Yves- St-Laurent-Kleid, Georg Gatsas ersetzt den BH einer Frau durch einen die Brust umkrallenden Octopus.

Micha Stuhlmann und René Schmalz kommen mit einer fotografierten Bodypainting-Arbeit daher, Muda Mathis und Sus Zwick bewegen sich an der selbstinszenierten Grenze des Androgynen.

In der Burka posieren

Pin-up wird wörtlich oder indirekt verstanden, experimentell oder direkt, zögerlich oder vordergründig. Die Aufforderung, sich selbst zu inszenieren oder den Begriff Pin-up zu interpretieren, ist für die Künstlerin Andrea Vogel so etwas wie eine «zweimonatige Performance am Computer» geworden.

Der eigentliche künstlerische Akt ist die Animierung, und die Künstlerin betont mehrmals, dass sie fast ehrfürchtiger vor diesen fotografierten Bildern gestanden sei als vielleicht mancher Lieferant. Die Pin-up-Idee präsentiert sich im Frauenpavillon sehr offen, erfreulicherweise nicht als Frauenthema, sondern als künstlerische Hinterfragung von Selbstinszenierung und als Frage nach den Grenzen der eigenen Exponierbarkeit.

Und die Künstlerin selbst? Sie verhüllt sich auf ihrem Pin-up in einer Burka und fügt dem Thema damit eine spezielle Facette hinzu. «Man kann auch in der Burka posieren», sagt Andrea Vogel.

Vernissage: Morgen So, Frauenpavillon Stadtpark St. Gallen, 10.30 Uhr. Zu sehen bis 2. Juli während der Veranstaltungen des Frauenpavillons.